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oder der Mythos vom Gottmenschen

Die belegten Fakten des Leben Jesu sind äußerst dürftig. Das wird von zeitgenössischen Theologen unumwunden zugegeben: "Historiker sind heute in der Lage, fast den gesamten Lebenslauf von Pilatus oder Herodes darzustellen... Über Jesus dagegen existieren nur ein paar unbedeutende Zeilen, deren dokumentarischen Charakter man auch noch stark anzweifeln muss" (Kersten). Ob es den Menschen Jesus überhaupt gegeben hat, ist insgesamt sehr fraglich. Zur damaligen Zeit erheblich bekannter war beispielsweise Johannes der Täufer.
Jesus Christ SuperstarDie heutigen Evangelien wurden (aus 40-50 im Umlauf befindlichen) erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts kanonisiert (als verbindlich angenommen) - zur Abwehr der gnostischen "Irrlehren", unter Berufung auf die vermeintliche Autorität von Aposteln. Tatsächlich kann das älteste Evangelium (Markus) frühestens auf kurz vor das Jahr 70 datiert werden. Das Johannesevangelium gar ist im Grunde ein philosophisches Werk, in dem die realen Ereignisse völlig der Metaphysik untergeordnet werden, und dessen Abfassung mindestens achtzig Jahre nach der Kreuzigung erfolgte. Die Evangelien stammen also keinesfalls von unmittelbaren Zeitzeugen.
Zwar sind sie in der Fiktion eines Erzählers, in Form eines biografischen Berichts gehalten; eigtl. stand aber kaum noch fundiertes Material zur Verfügung. Jesu Vita ist konstruiert, die "frohe Botschaft" nicht viel mehr als eine Rahmengeschichte, zusammengesetzt aus bruchstückhaften Einzelteilen, unterschiedlichsten Episoden - aus dem sich ein Bild (des biblischen Christus) ergibt, demgegenüber die Umrisse eines realen Jesus völlig ungreifbar werden.
Die Urchristen erzählten einander etliche Geschichten, fabulierten Anekdoten, die für die historische Wissenschaft jedoch nicht brauchbar sind. "Was im Neuen Testament über Jesus berichtet wird, muss in einem geradezu erdrückenden Ausmaß nicht authentisch genannt werden" (Käsermann).
Die Evangelien bestehen ganz überwiegend aus von der Tradition gesammeltem Spruchgut - welches Jesus in den Mund gelegt wurde. Deshalb beschränkt sich die Leben-Jesu-Forschung heutzutage auf das Aufspüren der wirklich originalen Aussprüche Jesu. Aber auch das ist im Grunde genommen nicht mehr möglich: "Es gibt keine Sicherheit, dass die Worte jener ältesten Schicht (der postulierten sog. Spruchquelle, aus der Lukas und Matthäus geschöpft haben sollen) wirklich von Jesus gesprochen worden sind... Der Charakter Jesu, das anschauliche Bild seiner Persönlichkeit und seines Lebens ist für uns nicht mehr erkennbar" (Bultmann).
Entsprechend sind die zahlreichen (bis heute etwa sechzig) Versuche, ein Horoskop für Jesus zusammen zu basteln, recht fragwürdig. Dabei datierten die antiken Autoren Christi Geburt überwiegend auf den Zeitraum 2 - 4 v. Chr., die modernen (u.a. Astronomen) gehen meist von den Jahren 5 - 7 (v. Chr.) aus. (Eine Ausnahme bildete E. Sibly, 1790, der tatsächlich den 25.12. des Jahres Null bzw. -1 zugrunde legte.) In der Datierungsfrage wegweisend war J. Kepler, indem er den "Stern von Bethlehemder Stern von Bethlehem" mit der dreifachen Jupiter/ Saturn - Konjunktion in den Fischen gleichsetzte. Auch die Babylonier hielten diese Kombination des Königssterns (Zeus bzw. Marduk) mit dem Stern Jahwes (Kewan) für ein außergewöhnliches Ereignis.
Doch heißt so ein Vorgehen das Pferd von hinten aufzäumen. Selbst wenn ein "Menschensohn" (Dan 7,13) oder "König der Juden" prophezeit wurde und Sterndeuter zu ihm unterwegs waren (in den mesopotamischen Keilschriften ist von einem solchen keine Rede), bedeutet das noch lange nicht, dass er zu dem Zeitpunkt wirklich zur Welt kam. Die Astrologen irrten auch damals, gerade in Mundanbelangen. Und die dreifache coniunctio aurea findet zwar nur etwa alle achthundert Jahre statt, doch müssten nach obigen Überlegungen mittlerweile schon zwei neue Menschheitserlöser relativ spurlos an uns vorübergegangen sein.
Ähnlich verlegte ja auch im ausgehenden Mittelalter die internationale Astrologengemeinde Luthers Geburt - gegen dessen heftigen Widerstand - auf ein Jahr später, da er sich dann besser in die (seit Albumasar umlaufende) Prognose vom Erscheinen eines "kleinen Propheten" einfügte. Über die Unseriosität und Plumpheit solcherlei "Geburtszeitkorrekturen" - damit die Fakten zu den theoretischen Erwägungen passen - müssen eigtl. keine Worte verloren werden. Aber hinsichtlich der verbreiteten Jesus-Horoskope kann ein nüchternes Urteil gleichfalls nur lauten, dass sie sämtlich Mutmaßungen, reine Spekulation sind.

Eine verlässliche Geburtsangabe für Jesus zu erhalten ist aussichtslos - und letztlich sogar irrelevant. Seine konkrete Person tritt gegenüber dem mit ihm verbundenen überzeitlichen Mythos vollständig in den Hintergrund. Als bloßer Mensch gibt er auch theologisch zu wenig her, so dass es im Jahre 354 für die Kirche kein Problem war, für ihn den (im ganzen Mittelmeerraum gefeierten) Geburtstag des Licht-Gottes zu übernehmen.
Das Historisieren, die (naturwissenschaftlich) exakte, von Vorannahmen freie Recherche und nüchterne Berichterstattung, ist eine Erwerbung und Eigentümlichkeit des neuzeitlichen Menschen. Zu früheren Zeiten wurde nach Urheberschaft, Quellenlage, etc. nicht gefragt (noch dazu in der Antike bzw. im Orient), nahm man es auch mit den Widersprüchen zwischen den Evangelien nicht so genau. Der Intellekt und mit ihm die Wahrnehmung wurde damals von Märchen und Mythen beherrscht. "Fakten" stimmten, wenn sie in ein vorhandenes Bild passten. Auch "Individualität" ist ein Konzept der Moderne. Entsprechend war Jesus als Einzelmensch relativ uninteressant; bedeutsam war er hingegen für die religiöse Vorstellung, als Glaubensfigur.
Die so anschaulichen Begebenheiten von der Kindertötung, Geburt in der Krippe, Flucht auf dem Esel, etc. heißt es keinesfalls wörtlich, buchstäblich zu nehmen. In ihnen liegen uns universelle mythologische Motive vor - die zum archetypischen Schema der Heldengeburt gehören. Die Parallelen von Jesu Lebenslauf mit dem des Dionysos beispielsweise sind auffällig, diejenigen mit Krishna geradezu frappant (beim ersten Hören ein Schock für Abendländer, welche die Christussaga für ihren einzigartigen Kulturschatz hielten). Darüberhinaus gilt Krishna den Hindus gleichfalls als Sohn Gottes, als fleischgewordenes Wort, als Hirte der Menschen usw.
Um die Zeitenwende herrschte in Israel und im ganzen Römischen Reich eine inbrünstige, sehnsüchtige Messiaserwartung. In der derart "geschwängerten Luft" traten dann auch mehrere solche Messias-Figuren auf. Selbst Kaiser Augustus wurde als "Heiland der Welt" gesehen, sein Geburtstag als "Tag des Evangeliums" gefeiert. Die damalige kollektive Erwartungshaltung griff die möglichen Geschehnisse um Jesu Person bereitwillig auf. Alle zur Inkarnation Gottes passenden Gerüchte, die im vorderasiatischen Raum umherschwirrten, wurden begierig aufgesogen, und von dem im kollektiven Unbewussten aktivierten Gottessohn-Archetyp assimiliert. Nur aufgrund dieser archetypischen Dynamik konnte sich das Christentum so rasant ausbreiten. (Dass es sich letztlich gegen die ähnlichen bzw. durchaus vergleichbaren Kulte des Mithras und Mani durchsetzte, hat wohl eher organisatorische oder machtpolitische als inhaltliche Ursachen.)
Der durchschlagende Effekt, die bis heute große Wirkung Jesu, war zeitbedingt (seine Botschaft entsprach ja eigtl. dem Buddhismus bzw. der - schon 150 Jahre bestehenden - Essenerlehre). Hinter dem projizierten, vom Volk aufgebauten Bild des Christus musste ein ursprünglicher, historischer Jesus verschwinden; er war der erregten Kollektivpsyche unwichtig. Jede Erinnerung an den konkreten Jesus wurde von der Legendenbildung regelrecht überwuchert. Da passte sich auch der "Stern von Bethlehem" mit den Magiern aus dem Morgenland bzw. die angebliche Keilschriftprognose nahtlos ein. Auffällige Ereignisse bei der Geburt, ein "aufgehender Stern" o.ä. sind für eine Inkarnation unabdingbar - und sei es nur der Sonnenaufgang.

Die mythologische Wahrheit ist nicht weniger, sondern mehr als die historische - denn sie ist zeitlos, unvergänglich, "ewig". Sie schließt uns an (koppelt uns zurück = re-ligio) an den Urgrund des Seins. Der Mythos bildet das Urmuster hinter den äußeren Vorgängen, er rührt an die seelische Essenz, mit ihm werden wir ganz ("heil", "gerettet"), verbunden mit dem Wesentlichen, Sinn.
Warum will man denn immer alles konkret, greifbar (u.a. einen "Erlöser" in persona) haben, warum empfinden wir die psychische Wirklichkeit als qualitativ minderwertig - wo es doch heißt "das Himmelreich ist inwendig"?
Neben griechischem Denken, Römischem Recht und germanischer Vitalität ist insbesondere das Christentum die Wurzel der abendländischen Kultur bzw. der westlichen Zivilisation. Nominell (als Kirchenmitglieder) hängen die meisten von uns noch dieser Religion an - mit dem kollektiven Unbewussten stecken wir in jedem Fall darin (gerade auch Utopien wie der Sozialismus sind ein Widerschein jenes zweitausend Jahre alten Mythos). Die Negativa oder Schattenseiten der christlichen Botschaft leb(t)en wir aus im Kolonialismus, in der Naturwissenschaft, im ökologischen Raubbau = via Projektion Mensch und Natur "kreuzigend"…
Am Horoskop des 25.12. des Jahres Null bzw. -1, 0 Uhr - des Moments, für den wir kollektiv die Geburt Jesu in Bethlehem annehmen, selbst wenn dem überhaupt nicht so war - müsste sich der christliche Mythos ablesen lassen. Sogar wesentliche Merkmale der heute den Globus dominierenden abendländisch-westlichen Kultur und Zivilisation müsste man in diesem Horoskop erkennen - zumal dieses Datum fünfhundert Jahre später maßgeblich wurde für die heute weltweit gültige Zeitrechnung. [Da unser kalendarischer Jahresbeginn durch die Römer von der Wintersonnwende auf den 1. Januar geschoben wurde, fällt Christi mythologische Geburt rechnerisch in das Jahr 1 v.Chr.] Wir dürften insbesondere den Jesus, wie wir ihn kennen, wie er uns von klein auf gewissermaßen im Herzen vertraut ist, in diesem Radoxhoroskop wiederfinden, in all seinen Eigenheiten, in seiner Vielschichtig- und Widersprüchlichkeit. (Nach dem objektiven Benennen unseres Mythos ließe sich evtl. die Frage stellen, warum wir uns dieses kollektive Bild schufen bzw. wozu wir es brauchten, ob es mittlerweile seinen Zweck erfüllt hat und ob vielleicht ein neuer, uns global tragender Mythos in Sicht ist.)

Das Horoskop des mythologischen Jesus

Das koptische Wort CHRESTOS bedeutet "der Milde, Liebliche, Freundliche". In der Waage am Aszendenten Horoskop des mythologischen Jesuserkennen wir die Bergpredigt, tritt uns der Verkünder der Liebesbotschaft entgegen, der Friedensfürst, zumal mit Jupiter im ersten Haus. Waage steht - neben der IC-Betonung und dem Krebs-MC - bei Männern für eine ausgesprochen weiche, weibliche Seite. Das damit angeschlagene Thema ist Verzeihung, Ausgleich, Versöhnung und Gemeinschaft (Agape). Da bei Waage-Aszendent die Mundanhäuser den Tierkreiszeichen stets diametral sind, geht es hier in erster Linie um die Verbindung von Gegensätzen. Von der Persönlichkeit abgespaltene Anteile müssen zurückgeholt werden, nach außen Projiziertes wäre - via Zuwendung, Begegnung (Nächstenliebe, "die Wange hinhaltend") - zu integrieren.
Jupiter in Eins symbolisiert den (Berge versetzenden) Glauben, den Bezug zur Religion bzw. zu einer geistigen Gemeinschaft (Kirche), desweiteren Weisheit, Ethik/ Werte und das Anliegen sozialer Gerechtigkeit. Im Zwischenmenschlichen bedeutet ein Jupiter an dieser Position Güte und Großmut, Verständnis und Toleranz, auch eine charismatische Ausstrahlung, ein Erfüllt- und Überzeugtsein (Sendungsbewusstsein). Jupiter enthält hier das Potential und Versprechen auf Ganzheit; und nicht zuletzt klingt das Motiv der Selbsterkenntis an.
Pluto am Aszendenten steht für Willensstärke, für den Drang nach Selbstüberwindung. Wir sehen hieran den Idealisten, aber auch den Radikalen (Fundamentalisten); jemanden, der einen besonders guten Zugang zu geistigen Dingen hat. Wir haben den von einer Idee Besessenen vor uns, der (als "Gesalbter") u.a. die "Wahrheit" verabsolutiert, über magische Kräfte verfügt, Dämonen austreibt. Seine Persönlichkeit ist eindrucksvoll und markant, dominant bzw. tonangebend, von natürlicher Autorität und Führungsanspruch, die Menge anleitend und beeinflussend.
Jupiter und Pluto zusammen (über den Aszendenten verbunden) veranschaulichen eine Leitfigur, jemanden mit weitreichender Wirkung, der anderen Perspektiven zu geben vermag, der für sie den "Meister" bzw. ein Gottes-Bild verkörpert. In Jupiter-Pluto steckt eine hohe Geistigkeit, welche im Grunde übermenschliche Ziele anvisiert - so dass es zwangsläufig zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, zu einem Ringen mit Gott, Tod und Teufel kommen muss.
Der Aszendentenherrscher Venus befindet sich im fünften Haus. Das besagt zum einen, dass Jesus durchaus lustvoll veranlagt, keinesfalls ein Asket war (seine Erotik schimmert in den Evangelien durch). Zum anderen bestätigt sich hier sein Hingezogensein zu Kindern ("ihrer ist das Himmelreich"). Der Liebesplanet wird betont durch Anderthalbquadrate zu den Achsen sowie durch ein Halbquadrat zur Sonne. Am aussagekräftigsten ist jedoch sein Quadrat zu Neptun: Es kündet von geradezu grenzenlosem Mitleid und Barmherzigkeit, von einem boddhisattvahaften Mitgefühl für Schwache und Benachteiligte (bzw. für gesellschaftliche Außenseiter, die "Geringsten", "Bettler bewirtend", etc.). Hier fließt buchstäblich eine überirdische, kosmische Liebe...
Neptun in Zwei verstärkt dieses utopische Moment. Jesus hat seine Wurzeln im Immateriellen, bezieht seine Stärke und Gewissheit aus der Transzendenz ("mein Reich ist nicht von dieser Welt"). Er vertritt eine Spiritualisierung des Stofflichen, eine Heiligung des Körpers, fordert andererseits aber auch die Loslösung von den Dingen, weg vom trügerischen Schein ("eher gelangt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel"). Jesus besitzt das Geheimnis der zwei Naturen (einer irdischen und einer göttlichen), kann Wunder wirken (auf dem Wasser gehen). Er ist ungebunden, ohne Partnerin, nirgendwo richtig zugehörig, hat keinen festen Wohnort ("keinen Platz um sein Haupt zu betten"). Nach seinem Tod bleibt nichts Greifbares zurück, scheint er sich einfach in Luft aufzulösen ("Himmelfahrt").
Der Schatten/ die Schwachstelle findet sich im dritten Quadranten bzw. am Deszendenten. Eine starke Erdbezogenheit, Sinnenfreude bzw. Triebhaftigkeit ("Lust und Genuss") wird - neben der Venus in Fünf - symbolisiert vom Mond im Stier. Dieser Mondstand steht für die starke physische Verankerung oder Körperlichkeit des Gottmenschen, für dessen Fleischwerdung bzw. Inkarnation - die in deutlichem Kontrast steht zur Vergeistigung des achten Hauses sowie der Neptun- und Pluto-Betonung.
Analogien des Widderdeszendenten (und Widder-Mars) sind Hitzköpfigkeit und Impulsivität, Reiz- und Erregbarkeit. Subjektiv befangen, will er unüberlegt (instinktiv) "drauflos", mitunter am liebsten "dreinschlagen", sucht unbewusst den Konflikt. Für Außenstehende eigtl. logisch, dass allzu viel persönliche Sanftmut (Waage) entweder Anfeindungen der Umwelt auf sich zieht oder Affektausbrüche hervorruft. Wenn man diese andere Seite von Jesus bedenkt, wird jener Satz "ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert" verständlicher. Für uns als Kollektiv bzw. westliche Zivilisation umschreibt Mars in Sieben die negative Besetzung bzw. das ungelöste Problem der Aggression. Wir suchen sie (scheinheilig) im Außen (etwa im Irak) zu bekämpfen, werden zugleich aber von allen anderen Kulturen als gewalttätig und brutal gesehen; irgendwie haben wir diesen "Teufel" nicht im Griff...
Uranus am Deszendenten bringt Unruhe und Turbulenz in die Welt; es droht die Gefahr von Aufruhr und Umsturz. Mars in Kombination mit Uranus (über die Achse verbunden) hat etwas Überheblich-Eigenwilliges, aber auch Heroisches und Sozialrevolutionäres an sich. So begehrt Jesus - ausgesprochen unbequem - gegen das Establishment auf, provoziert die offiziellen Autoritäten, durchbricht die Konventionen.
Eine Steinbock-Sonne hält andererseits ganz schön fest - so dass Angestautes sich fast explosionsartig entladen mag, d.h. als 'sonst doch so lieber und netter Kerl' die Umgebung schockierend (Tische umstoßend wie bei der Tempelaustreibung).
Mars Opposition Jupiter symbolisiert die Sinnsuche, ein Streben über die eigene Person hinaus (nach Höherem/ zu Gott) sowie ein übermäßiges Gerechtigkeitsempfinden. Letzteres ist verantwortlich für die bisweilen ungeheure Dynamik, für das Aufbrausen, den Jähzorn und und das Unbeherrschte. Bevorzugtes Objekt des Auflehnungsdrangs wäre die herrschende Religion bzw. Priesterkaste; gegen sie richtet sich alle Wut des mythologischen Jesus. (Über das "Kreuz" führt die Projektion der inneren Unzufriedenheit auf äußere Feinde schließlich doch noch zur Ganzheit, s.u.)
Uranus Opposition Pluto bedeutet den Weltbildsturz, wirft Überkommenes über Bord, bringt frischen Wind in verhärtete Systeme und Strukturen. Alte Konzepte werden erschüttert/ infragegestellt, Dogmen und Ideologien zugunsten geistiger Freiheit abgeschüttelt. Ein Uranus/ Pluto - Mensch "zerreißt den Vorhang des Tempels", rüttelt rücksichtslos an Tabus (wie dem geheiligten Sabbath), scheut in seinem Wahrhaftigkeitsanspruch vor unverfrorenen, blasphemischen Statements nicht zurück. Er ist nonkonform, unkonventionell und unorthodox, lässt sich in keine Schablone oder Schema pressen.
Die Sonne soll nun all dies Ungereimte vereinen, die persönlichen Widersprüche zusammenhalten. Sie steht am IC, ist also nach innen gerichtet. Demnach wäre die Seele der Wirkungsbereich, das eigentliche Arbeitsgebiet Jesu. Getragen von Brüdern und Freunden bzw. Jüngern (Sonne aus Elf, mit Merkur), ist sein Weg derjenige der Reflexion und Introversion, d.h. die Lösung von Problemen in sich selbst zu finden und entwickeln.
Jesus bedarf mütterlicher Qualitäten, um - so wie er seiner Mutter Maria (mare = das Meer) geschenkt wurde - das wahre Licht aufzufangen... Von altersher identifizierte man den Gott bzw. seinen Sohn mit der Sonne. Höhle und Krippe wären Allegorien des vierten Hauses, worin das göttliche Kind gebor(g)en wird. "Alles was aufnehmen und empfänglich sein soll, das muss leer (d.h. weltlicher Dinge ledig) sein" (Meister Eckart). Gefäß für den (Heiligen) Geist kann nur eine jungfräuliche, unverdorbene (d.h. kindliche, unbewusste) Psyche sein. Mitternacht bzw. das IC ist im Tageslauf der Moment der Wende (nach alter Astrologie der Todespunkt), wo die Macht der Finsternis gebrochen wird und bald ein neuer Tag (bzw. ein neues Bewusstsein) anbricht…
Der zu dieser Symbolik gehörende dunkelste Ort des Jahreslaufs ist die Wintersonnwende. In den langen Nächten davor besitzen laut Volksglauben die (bösen) Geister und Dämonen die größte Macht über den Menschen. Mit dem solstitium, dem scheinbaren Sonnenstillstand ist der Sieg des Hellen, Guten jedoch errungen. In den anschließenden "geweihten Nächten" wird das Licht unaufhaltsam stärker - ein Mysterium, welches die meisten Zeiten und Kulturen als heilig empfanden.
Das MC im Krebs wiederholt und bekräftigt das Motiv der Innenwendung, der notwendigen Offenheit für eine ideelle Befruchtung (MC-Herrscher Mond in Acht: "selig sind die Armen im Geiste"); dasselbe zeigt auch der Mondknoten am IC an. Der absteigende Mondknoten am MC bedeutet für Jesus, sich wegzuorientieren von einem öffentlichen Amt, eben keinesfalls ein weltlicher Herrscher zu werden.
Die Steinbock-Sonne verschafft ihm das für die übernommene Aufgabe nötige Durchhaltevermögen (psychische Arbeit ist langwieriger und aufreibender als eine physische oder geistige), ermöglicht ihm den bewussten und kontrollierten Einsatz seiner Energien. Die erforderliche konzentrierte Kraft steht ihm zur Verfügung, um die entstehenden Spannungen zu ertragen, letztlich das "große Werk" (ein alchemistisches opus) zu vollbringen. Er zieht die Sache gewissenhaft und diszipliniert durch, nimmt ohne zu murren Mühen auf sich, hält auch Phasen der Depression, des Verlassenseins (wie im Garten Gethsemane) unverdrossen und tapfer aus.
Sonne Konjunktion Merkur wäre der Lehrer, Verkünder und Prediger (schon Jupiter aus Drei in der Waage/ im ersten Haus weist auf den Pädagogen). Bei der Herkunft Merkurs (aus Neun und Zwölf) sind die von Jesus dargestellten Gleichnisse religiöser bzw. geheimer, rätselhafter Art.
In der griechischen Mythologie ist Hermes alias Merkur der Götterbote, Mittler u.a. zwischen Gott und Mensch. In der Esoterik erhalten wir vom obersten Eingeweihten Hermes Trismegistos die Schlüssel, das Wissen zur Erlangung der Vollkommenheit. In der Alchemie gilt Mercurius als Symbol der Verwandlung bzw. des Selbst - welches das Innere (Mond oder IC) mit dem Äußeren (Sonne) verbindet.
Als Herrscher des vierten Hauses steht Saturn in Neun, am höchsten Punkt des Horoskops (eleviert); gleichzeitig wirft er ein Trigon auf Jupiter. Die - bei der inneren Gespaltenheit, den grundverschiedenen Seiten, unausweichliche - Auseinandersetzung mit dem Schatten führt hier zur moralischen Frage, zum Gewissen bzw. Über-Ich. Aber die Mühe lohnt sich: Aus der "Seelenrackerei" erwächst schließlich die Frucht von Einsicht und Erkenntnis.
Was von einem solchermaßen erfolgreich abgeschlossenen inneren Prozess sichtbar nach außen dringt, sind die im Glaubensbereich gesetzten verbindlichen Regeln, die religiösen Richtlinien und Maßstäbe - und zwar schriftlich (= Zwillinge) niedergelegt im Neuen Testament. Die "auf den Felsen Petrus gebaute" Kirche wäre allerdings - da im dritten Quadranten - eine Schwachstelle des Horoskops…
Jesus beruft sich einerseits auf die Tradition (das Alte Testament, Saturn), bezeichnet zugleich aber auch sich selbst als deren Ziel und Erfüller (Jupiter), entwickelt also das Bestehende fort. Er folgt konsequent seiner Berufung und wird am Ende doch politisch: seine jovialen Höhenflüge landen (relativ) sicher auf dem Boden der harten weltlichen Tatbestände, seine Vision stößt zwar auf die Mauern des real Machbaren, fügt sich jedoch (mehr oder weniger gut) in das Unabänderliche, Notwendige. Aus der Botschaft universeller Brüderlichkeit und idealistischer Spiritualität wird dadurch zwar etwas Eingegrenztes, Normiertes, ein System - das Ganze gewinnt jedoch eine irdische Fassung bzw. Integrität.
Wie sich mit Saturn-Jupiter der eine Kreis schließt, so mit dem Mond in Acht, im Trigon zu Pluto der andere - handelt es sich hier doch um die Aufopferung der Seele für ein Prinzip, ihr Sterben und Wiedererstehen im Geiste. Bei solch absoluter Identifikation ("ich und der Vater sind eins") kann völliger Verzicht geleistet werden, heißt es (in unbedingtem Gehorsam): "Dein Wille geschehe". Ist der Pluto entsprechend stark (wie hier am Aszendenten), wird Unglaubliches erduldet, ein totaler Einsatz erbracht, auch bei Gefahr für Leib und Leben, rücksichts- und gnadenlos mit sich umgegangen. Für das "Eine" hat eine intensive emotionale Läuterung zu erfolgen, eine Befreiung von alten Schlacken, falschen Hüllen. Vom Höchsten motiviert, kann sich selbst verleugnet/ bezwungen werden, ist es möglich, fleischlichen Anfechtungen, den Versuchungen Satans zu widerstehen. Allerdings droht auch die Gefahr einer "Mana-Persönlichkeit" (s. Jung), jener für den "weißen Mann" so typischen Hybris, zu glauben, "klüger", "besser" oder "stärker" zu sein als andere...
Seine Schwächen zu bekämpfen, Umkehr und Buße verlangte später insbesondere Paulus verlangt (der ja mit einem gewissen "Pfahl im Fleische" seine Probleme hatte). Nach der Paulinischen Theologie ist Jesus - als der Reine, Unbefleckte (Mond) - für uns alle gestorben. Er sühnte unsere Kollektivschuld, die Erbsünde (Analogien Plutos bzw. der achten Phase), gab sich als Opfer hin, versöhnte uns wieder mit dem Vater. Durch Christus gewinnen wir die Rettung, Erlösung, ein neues Leben (die Wiedergeburt im Geiste). Bei seinem Erscheinen nach der Kreuzigung verhieß er uns einen "Tröster", nämlich den Heiligen Geist, der nach ihm komme. Jesus - und mit ihm die individuelle, nach Licht dürstende Seele - muss(te) durch das Tal des Todes hindurch, in die Hölle/ Unterwelt (das Unbewusste, Pluto in Zwölf) hinabsteigen, um (erneuert, regeneriert) zum wahren Leben (Merkur-Sonne-IC) zurückzufinden.
Wenn man das Horoskopbild als Ganzes betrachtet, bilden die Achsen mit den dort befindlichen Planeten ein Kreuz, welches alle vier Kardinalpunkte des Tierkreises besetzt. D.h. von der Person Jesus, oder besser vom Zeitpunkt seiner mythologischen Geburt geht ein mundan äußerst bedeutsamer, starker Impuls aus. Da die entscheidenden Ekliptikstellen angesprochen sind, kommt in dieser Figur einerseits eine fundamentale Ganzheit zum Ausdruck. Wegen der Quadrate und Oppositionen sowie aufgrund der Gegenläufigkeit der Phasen kristallisieren sich andererseits extreme, fast zerreißende Spannungen - die wiederum gerade jener Integrationsfähigkeit bedürfen.
Nach Jung ist das Kreuz oder die VierheitRose am Kreuz (Fludd) das bevorzugte Symbol des Selbst. Und aus dem Mittelalter wird ein schönes Wort überliefert: "anima naturaliter christiana est" - die Seele sei von Natur aus christlich. Der Mensch aufgespannt zwischen Gegensätzen - dies scheint (wie das Koordinatensystem von Raum und Zeit) die Rahmenbedingung der irdischen Existenz zu sein. Unser immaterielles Wesen muss sich darin allerdings vorkommen wie in einem Gefängnis oder Grab. Eine Befreiung daraus wäre nur möglich, indem wir dieses Schicksal annehmen, unser "Kreuz tragen", die (unvermeidbaren) Qualen und Anspannungen durchstehen. Nur der Weg der sog. Sünde bzw. des Leidens führt uns jenseits der Polarität, hin zum Selbst. Wir müssen uns mit dem Schatten (dem Dunklen, Bösen, Nicht-Ich) auseinandersetzen - mit dem wir über die Balken oder Achsen des Kreuzes eh unentfliehbar verbunden sind. Das Selbst wäre (nach den Vieren) die "quinta essentia", der das Quadrat umschließende Kreis, die in der Mitte des toten Holzes erblühende Rose. Analog dem Christusbild überwindet es die Spaltung in Polaritäten; es stellt die lenkende Instanz der Seele bzw. deren Einheit auf einer höheren Ebene dar.

Mit Jung zu sprechen, ist der Gottessohn oder Avatar eine Projektion des Gottesbildes in die Außenwelt. Um zum wirklichen Gott zu finden, der doch als Selbst im Inneren der Seele wohnt, müssen wir diese "Hinausverlagerung" zurücknehmen, die Projektion von ihrem Objekt ablösen. Ist jener "Seelenfunke" (M. Eckhart) erst erweckt, d.h. bewusst, bedarf es keines äußeren, fernen Gottes mehr...

QUELLEN:
Dethlefsen, Thorwald, Die esoterische Bedeutung von Weihnachten, Vortrag auf Audio-Casette, München ca. 1983
Jung, Carl G., Aion (Ges. Werke 9/2), Zürich 1951
Karrer, Iso, Tierkreis und Jahreslauf: Astrologie in Mythos und Volksbrauch, Basel 1985
Kersten, Holger, Jesus lebte in Indien, München 1983

(Original geschrieben 1995)