Kommentar zu Voltmers Studie "Lebenslauf und astrologische Konstellationen"
(Schriftenreihe der Gesellschaft für Anomalistik, Band1; Sandhausen 2003, 240 Seiten, ISBN 3-937361-00-6)

Ulrike Voltmer wollte mit ihrer aufwendigen und umfangreichen Arbeit dazu beitragen, eine Forschungsstrategie zur empirischen Überprüfung des von der Astrologie postulierten Zusammenhangs "Kosmos-Erde" zu entwickeln. Vor jeglicher Kritik gebührt ihrem Engagement und Idealismus großer Respekt. Ausgewertet wurden 400 Fragebögen, definiert ca. 520 Variablen, außerdem zahlreiche statistische Tests durchgeführt. Dabei kamen einige hochsignifikante Korrelationen heraus, insbesondere zwischen Uranus-Transiten und Lebensereignissen bzw. Veränderungen in der Biografie - wie es vom traditionellen Symbolgehalt des Planeten Uranus her eigtl. zu erwarten war. Den Fragebogen hat die Autorin selbst entworfen; überhaupt das ganze Forschungsdesign versucht so zu gestalten, dass es auch den Eigenarten der altertümlichen "Himmelssignatur" Rechnung trägt. Ihre Absicht war, "einerseits die astrologischen Faktoren wie auch andererseits die damit zu verbindenden Verhaltensparameter so einfach und klar wie möglich zu bestimmen, ohne die Komplexität der Astrologie wie auch die der lebensweltlichen Praxis unzulässig zu vereinfachen."
Mit dem Fragebogen wurde bewusst nur eine "Veränderung der persönlichen Sichtweise" erfasst, d.h. nichts Objektives, Faktisches der erfragten Biografien/ Kalenderjahre. Schließlich beziehen sich astrologische Aussagen nach modernem Verständnis weniger auf ein nachprüfbares Äußeres, sondern vielmehr auf die subjektive Bedeutung, welche ein Mensch etwa einem Ereignis gibt. In den Worten der Autorin: "Lebenskonstrukte können für einen einzelnen mehr oder weniger plausibel sein, können subjektiven Erklärungswert besitzen und insofern heilsam wirken, doch eine Tatsachenbasiertheit ist nur schwer nachweisbar. Vor diesem Problem steht die Astrologie genau wie auch die Psychoanalyse." Den erzielten Signifikanzen der Studie liegen strenggenommen also nicht die tatsächlichen Änderungen im Lebenslauf der Probanden zugrunde, sondern deren (subjektive) Einschätzung, Beurteilung bzw. Bewertung.
Die statistischen Berechnungen als solche scheinen handwerklich sauber durchgeführt worden zu sein. Mir persönlich fehlen jedoch - zur eigenen Urteilsbildung - bei den abgebildeten t-Tests etc. meist die absoluten Zahlen (Fälle). (Statistische Tabellen sind in der Regel ausgesprochen unanschaulich; um mich zu überzeugen, dass die festgestellten Effekte "real" sind, würde ich diese gerne bei bloßem Augenschein erkennen.) Grundsätzlich stellt sich natürlich auch die Frage nach der Bewertung der erhaltenen Signifikanzen - wie diese (eindeutig) interpretierbar sind. Außerdem erwiesen sich in der Studie einige Zusammenhänge eben auch als nicht signifikant bzw. die Korrelationen waren teilweise sogar negativ, d.h. entgegen der Erwartung.
In methodischer Hinsicht irritiert mich jedoch am meisten der Umstand, dass die zu testenden Variablen erst nach sog. "explorativen" Vor-Tests endgültig festgelegt wurden. D.h. die Uranus-Transite wurden als einzige astrologische Einzelvariable systematisch untersucht - da lohnend erscheinend, nachdem sich diesbezüglich schon signifikante Tendenzen abgezeichnet hatten. Die genauen Hypothesen bzw. Nullhypothesen der Untersuchung waren also nicht schon von vorneherein klar. Vielleicht liegt mein eigenes Universitätsstudium schon zu lange zurück; aber in den ersten Semestern Psychologischer Methodenlehre wurde uns eigtl. eingeschärft, dass man genau so nicht vorgehen dürfe. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es im Sinne Poppers ist, erst eine große Menge an Daten zu erheben und vage Variablen zu definieren - um sich anschließend, zur endgültigen Testung, davon nur die erfolgversprechendsten herauszupicken. Ein "hypothesenloses Drauflosforschen" bzw. wahlloses Suchen nach irgendwelchen signifikanten Korrelationen musste ja schon den Gauquelins oder auch Gunter Sachs zum Vorwurf gemacht werden...
Andererseits betont die Autorin mehrmals, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine Vor-Studie handle, mit der geklärt werden solle, ob und wie überhaupt der sog. "Oben-Unten-Zusammenhang" - eine Kernthese der Astrologie - wissenschaftlich überprüft werden könne. D.h. der Anspruch der Studie wurde von vorneherein relativ niedrig gehängt bzw. vorsichtig formuliert. Unter anderem sollte damit nicht die Astrologie an sich "bewiesen" werden: "Signifikanzen... können als solche nur zur Kenntnis genommen werden... Es ist müßig, die astrologischen Thesen durch diese Untersuchung als mehr oder weniger richtig nachweisen zu wollen. Eine solche Fragestellung kann diese Untersuchung nicht beantworten und insofern kann sie auch die klassische Astrologie nicht bestätigen."
Das Problemfeld "Astrologie-Wissenschaft" wurde in der Arbeit umfassend abgesteckt, gerade auch in theoretischer Hinsicht, Fragen des astrologischen Inhalts oder Gegenstands aufgeworfen sowie eines adäquaten Forschungsdesigns. Die Untersuchung trägt einen expliziten Studiencharakter - und sollte nicht auf die Frage "Signifikanzen - ja oder nein?" verkürzt bzw. eingeengt werden. Da zum einen die grundsätzliche Aussagekraft von Statistiken für die Astrologie zumindest fraglich, Frau Voltmers Studie zum anderen von explizit vorläufiger Natur ist, darf man die erhaltenen Signifikanzen m.E. nicht überbewerten; keinesfalls sollte man jedoch (böse gesprochen) mit ihnen "hausieren gehen"...

Worum geht es in der Astrologie (Gegenstand)? Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es sich beim astrologischen "Wirkmechanismus" im wesentlichen um einen Projektionsvorgang handelt, genauer: um eine Kollektivprojektion (s. "Der subjektive und projektive Charakter der Astrologie"). Unsere Altvorderen "malten" ihre Erlebens- und Verhaltensmuster an den Himmel, sie "sahen" dort ihre eigenen inneren Kräfte, Figuren und Abläufe - getreu dem zutiefst menschlichen bzw. kosmologischen Reflex, ausgerechnet "im Weitesten das Nächste zu suchen" (C.G. Jung, 1960). Auch die Alchemie hatte ja wenig mit der heutigen Chemie zu tun; die Alchemisten nahmen im Stoff und seinen Wandlungen ihre unbewussten Seelensubstrate bzw. -prozesse wahr, typischerweise begleitet von starken, aufwühlenden Affekten. Projiziert wurden und werden in der Astrologie machtvolle kollektive Seelenbilder, die sog. Archetypen. Die Frage, woher diese inneren Bilder stammen, wäre eigentlich an die Anthropologie oder Psychologie zu richten - nicht an die Sternenkunde. In die heutige Zeit haben weltweit etliche traditionelle Systeme überlebt, die auf Analogien bzw. auf dem Prinzip "Makrokosmos-Mikrokosmos" (dem ersten paradigmatischen Kernsatz der Astrologie, s. "Das astrologische Paradigma") beruhen, etwa die Akupunktur oder das I Ging. Wie solche Abbild-Modelle - von denen die Astrologie sicherlich eines der differenziertesten und elaboriertesten ist - funktionieren können, erscheint dem modernen Menschen "magisch" bzw. als ein unbegreifliches Rätsel oder Wunder. Doch haben an der Entwicklung jener uralten Korrespondenz-Systeme in der Regel Generationen von "Sehern" mitgewirkt (vermutlich mit damals für die Wahrnehmung des Unbewussten und seiner Bilder noch besser ausgestatteten "Organen").
Die Astrologie ist eine Art umfassender Mythologie, eine "Lebensinterpretationslehre", wie Frau Voltmer richtig bemerkt, zurückgehend auf die griechisch-römischen Götter als "Verkörperungen menschlicher Eigenschaften". Die konkreten "Sterne" sind dabei relativ irrelevant, wurden bei der kollektiv-projektiven Eigenschaftszuschreibung eher "zufällig" herangezogen (s. "Braucht die Astrologie die Sterne?"). Hätte sich der menschliche Geist nicht der Planeten, Häuser und Tierkreiszeichen - als eines vermeintlich "objektiven", äußeren Bezugssystems - bedient, wären andere natürliche Kreislaufsysteme und Rhythmen zum Zuge gekommen.
Sterne und Planeten sind Bedeutungs- oder Sinnträger. Sie wirken nicht per se, sondern als Symbole oder "Sinnkonzentrate", d.h. vermittelst der ihnen zugeschriebenen Bedeutung. In Indien, China und Amerika erfolgte diese Attribution (Bedeutungszuschreibung) kulturbedingt auf andere Weise; entwickelt wurde jeweils eine auf die speziellen seelischen Bedürfnisse und Nöte der Kulturen zugeschnittene - und von der abendländischen deutlich unterschiedene - Astrologie. Den Himmelskörpern dabei einen äußeren "Einfluss und Wirkung" zuzuschreiben, ist und war natürlich verführerisch. Schon die Alten schoben gerne die Ursache bzw. Verantwortlichkeit für ihr individuelles Geschick ab. Doch hat der Himmel nur die Bedeutung, die wir ihm geben! Auch Transite, so "objektiv" sie zu sein scheinen, sind nur die Indikatoren oder Begleiter einer inneren Entwicklung.

Das Horoskopschema ist ein vom Menschen - mithilfe der Mathematik - gebasteltes Modell; ein Modell, welches beruht auf der zweiten zentralen paradigmatischen Annahme einer "Qualität der Zahl" (worin sich die Astrologie von den meisten anderen esoterischen Modellen unterscheidet und auszeichnet). Diese "Himmelsskizze" war nie ein reales (1:1) Abbild der kosmischen Verhältnisse - man denke nur an die zum exakt zwölfgeteilten Kreis stilisierte Ekliptik, welcher die Deklination ausklammert; oder an Methoden wie Auslösungen, Direktionen und Progressionen - die völlig ohne irgendeine astronomische, faktische Grundlage funktionieren. Eine Horoskopzeichnung ist idealtypischer Art; sie wurde von den konkret beobachteten physikalischen Verhältnissen abstrahiert. Die darin aufgezeichneten Symbole dienen als geistiges Werkzeug - um Ordnung und Sinn zu stiften in einer tendenziell unverständlichen, chaotischen Welt.
Warum sich nun ausgerechnet in einem Geburtshoroskop Wesen und Sinn eines Menschen verdichten bzw. konzentriert abbilden, erklärt sich aus dem dritten Schlüsselsatz des astrologischen Paradigmas: demjenigen von der "Qualität der Zeit bzw. des Augenblicks". Es ist dies eine Prämisse, welche die Astrologie mit sämtlichen Orakelsystem teilt - und aus der C.G. Jung u.a. sein Synchronizitätsprinzip ableitete; womit er eine Verbundenheit, Gleichzeitigkeit oder Koinzidenz kausal nicht zusammenhängender Ereignisse meinte - auf der Basis eines ihnen gemeinsamen Sinns.

Ohne Einbezug dieses essentiellen Sinnprinzips lässt sich in der Astrologie im Grunde keinerlei "Wahrheit" ergründen; ohne dessen angemessene Berücksichtigung ist m.E. keine Überprüfung ihres "Wahrheitsgehaltes" möglich. Schließlich wurde das astrologische Modell konstruiert zu Zwecken der Sinnerklärung - und auch die heutige astrologische Praxis (Beratung) dient in erster Linie der Sinnfindung. Man geht zum Astrologen vor allem mit existenziellen Fragen: wenn man sich orientierungslos, unsicher, "verloren" fühlt. (Frau Voltmer erwähnt das den astrologischen Aussagen immanente "teleologische Moment", bzw. dass die Horoskopsymbolik gewissermaßen als "Wegweiser" fungiere: und zwar dafür, wie ein Individuum eigtl. gemeint sei, warum es von bestimmten schicksalshaften Ereignissen getroffen werde, etc.)
Sinnfindung und -zuschreibung sind prinzipiell intersubjektive Vorgänge, untrennbar verbunden mit sozialen Zusammenhängen. Bedeutung und Sinn der astrologischen Symbole wurden ursprünglich kollektiv-gemeinschaftlich festgelegt - und werden normalerweise, in der jeweiligen aktuellen Deutungssituation, im gemeinsamen Diskurs "wiedergefunden". Im astrologischen Beratungsgespräch wird der Sinn der "Himmelssemiotik" (Ertel) kommunikativ entschlüsselt; er wird über einen Verständigungsprozess quasi "rekonstruiert" (s. Schlegel). Man einigt sich darin über die einem konkreten Äußeren (Phänotyp) zugrunde liegende innere Bedeutung (Archetyp). Dabei erfolgt eine allmähliche Annäherung (Umkreisung) der "Wahrheit" - welche nach einer Art Dialog-Konsens-Kriterium festgestellt wird.
Schleiermacher beschrieb die Wichtigkeit der Sprache als Grundlage des einander Verstehens, als Basis des subjektiven Erkennens und Nachvollziehens der Gedanken und Gefühle eines Gegenüber. Wie sehr Kultur und Sprachgebrauch des Abendlandes vom astrologischen Symbolismus durchdrungen sind, wurde von Frau Voltmer sehr schön aufgezeigt. (Ihr Resümee:) "Die astrologische Lehre korrespondiert auffallend mit grundsätzlichen Kategoriensystemen unserer Kultur." Was läge also für einen Astro-Forscher näher, als die (eh subjekt- und sinnbezogene) Sprache und Praxis der Astrologie mit geisteswissenschaftlichen Mitteln zu untersuchen und analysieren - anstatt mit naturwissenschaftlichen?
Nach dem Scheitern von Niehenkes umfänglicher statistischer Promotionsstudie schlug der Graphologe Lockowandt zur Wahrheitsfindung in der Astrologie eine "dialogische Validität" vor - d.h. statt einer Prüfung einzelner Merkmale und Korrelationen kasuistisch-idiographische Erkundungen anzustellen bzw. (ganzheitliche) Einzelfalluntersuchungen als Ausgangsmaterial für Astro-Forschungen zu verwenden. Die geisteswissenschaftliche Hermeneutik zeigt eine große inhaltliche wie paradigmatische Nähe zur Astrologie: Schon Kant stellte fest, dass kein unmittelbarer Zugang zur Objektivität möglich sei; das Subjekt konstituiere vielmehr das Objektive. In dessen Nachfolge spricht Dilthey davon, dass es keine allgemein verbindliche Wahrheit - und somit auch keine objektive Erkenntnis - gebe; man müsse die prinzipielle Subjektivität des Welterfassens akzeptieren. In den Humanwissenschaften geht es nach ihm eben darum, die menschliche Subjektivität zu untersuchen und zu beschreiben - sowie diese mittels "geisteswissenschaftlicher Kategorien" (nicht unähnlich den Symbolen der Astrologie!) strukturell zu erfassen...

Das Sinnmoment ist für die Astrologie zentral: "Dimensionen der Bedeutung oder Sinnhaftigkeit sind für die Seele (und unser Leben allgemein) charakteristisch", schrieb Niehenke (1987). Unter dem Stichwort "Praktische Relevanz" stellte schon der Kritische Psychologe Holzkamp (1972) die Gültigkeit der Übertragung von naturwissenschaftlich orientierten Laborergebnissen auf den Lebensalltag infrage. Naturwissenschaftlich-statistischen Tests der Astrologie (bzw. ihres "Wahrheitsgehalts") fehlt es darüber hinaus an der nicht unmaßgeblichen Sinn-Relevanz. Denn ihre Validierungsversuche erfolgen zwangsläufig in einem sterilen, wertfreien Raum; die jeweiligen Horoskopeigner profitieren von solchen Untersuchungen in der Regel kein bisschen (sie erhalten keine Antwort auf ihre persönlichen Sinn-Fragen), zumindest nicht unmittelbar. Aus der Sinn-Warte erfüllen die Astro-Tests also bloß eine Art Selbstzweck; sie befriedigen die Beweissucht (von Wissenschaftlern und Skeptikern), sie dienen nur einer unsinnigen Rechtfertigung bzw. Legitimation astrologischen Tuns; sie erfolgen insbesondere nach fremden, von außen an die Astrologie herangetragenen Kriterien und Maßstäben. Einer - im naturwissenschaftlichen Sinne - "objektiven" Untersuchung der Astrologie mangelt es an der so wesentlichen subjektiv-existenziellen Betroffenheit der Horoskopeigner, d.h. des individuellen bzw. aktuellen Schicksalsbezugs. Auch in Frau Voltmers Studie bleiben zur maschinellen Verrechnung der - mitunter einschneidenden - biografischen (d.h. qualitativen) Daten nur anonyme Ziffern, abstrakte (quantitative) Zahlenwerte übrig. Der ursprünglich sakrale (und für die Astrologie typische) (Orakel-)Charakter einer Horoskopinterpretation geht bei solchem Prozedere verschütt. Aus der Perspektive des Schicksalshaften - welches ja mit der Astrologie innigst verflochten ist, man denke nur an das Theorem "Person = Schicksal" - sind statistische Tests lediglich eine Art "Jux und Tollerei". Denn für "Höheres" (Metaphysisches, Finales, Teleologisches) bieten sie keinen Raum; ebensowenig für die Intuition bzw. ganzheitliche Wahrnehmung des Astrologen. Deshalb können m.E. naturwissenschaftlich ausgerichtete Untersuchungen der Astrologie nicht erfolgreich sein bzw. scheitern spätestens beim Versuch ihrer Replikation.
Nach Keplers Auffassung handelt die Astrologie nicht von "Particularia" (konkreten Einzelheiten), sondern von "Generalia" (übergeordneten Mustern und Typisierungen). Die astronomischen Verhältnisse drücken die irdischen Gegebenheiten demnach symbolisch, nicht buchstäblich aus. Entsprechend vermag auch eine noch so gute Operationalisierung nur mit fatalem Gehaltverlust aus den himmlischen Sinnbildern digitale Recheneinheiten hervorzubringen. Niehenke resümierte in seiner Arbeit (1987) u.a.: "Ein System, das evolviert, ist mit Begriffen der statischen Beschreibung von Eigenschaften und Zuständen nicht erfassbar." C.G. Jung stellte (Brief im Anhang von "Synchronizität, Akausalität und Okkultismus") fest: "Die statistische Methode stützt sich auf die Voraussetzung eines Kontinuums uniformer Gegenstände. Das Synchronizitäts-Phänomen aber ist ein qualifiziertes, individuelles Ergebnis, welches durch die statistische Methode ruiniert wird." Ich selbst schrieb in dem Artikel "Astrologie und Wissenschaft" (1992): Zählstatistiken ... " sind dort angebracht, wo es um eine erste Sichtung (des Datenmaterials) geht... Die jeder Forschung vorauszugehenden Hypothesen kann Statistik jedoch keinesfalls ersetzen." Auftretende Signifikanzen können strenggenommen nie etwas beweisen, geschweige denn die Richtigkeit der (ihnen paradigmenfremden) Astrologie. Die Falsifikation einer Nullhypothese bedeutet immer nur, dass irgendein "Zusammenhang" vorliegt - bloß welcher? Denn neben der eigentlichen Forschungshypothese sind stets eine Vielzahl von Alternativhypothesen denkbar; und bei einem Scheitern des Signifikanztests gibt es in der Regel reichlich Möglichkeiten der Exhaustion (Ausflucht bzw. Enschuldigung), wie die Praxis der akademischen Sozialwissenschaften zeigt...
(Letzte Bemerkung zum Stichwort "Relevanz":) Da mir wie erwähnt bloße Signifkanzniveaus und Korrelationskoeffizenten wenig sagen (zu "blutleer" sind), möchte ich bei Statistiken möglichst auch die jeweils konkreten Fallzahlen zu Gesicht bekommen. Dabei zeigt sich nämlich oft die Absurdität der Prüfverfahren, ihre Fragwürdigkeit bzw. Unbrauchbarkeit für die Praxis. In absoluten Zahlen sind etwa die Unterschiede zwischen Vergleichsgruppen häufig nur gering - auch wenn "statistisch signifikant". Bei großen Datenmengen können z.B. Unterschiede der Auftretenshäufigkeit von 51% (Merkmal oder Gruppe A) zu 49% (Gruppe B) statistisch gesehen durchaus "nicht zufällig" sein. - Aber was fange ich mit solch einer "wissenschaftlichen Erkenntnis" in der Praxis an? Nach welchen Kriterien entscheide ich, welcher meiner beiden Klienten etwa zu Merkmal/ Gruppe A gehört, und welcher zu B?
Habermas (1968) sprach von einem "technischen Erkenntnisinteresse" der Naturwissenschaft, d.h. dass sie von ihrer grundsätzlichen Intention her äußere, physische Objekte manipulieren, sich der Natur bemächtigen will. Solch Steuerungs-, Macht- und Kontrollanspruch wird in der astrologischen Theorie dem Planeten Pluto bzw. der achten Phase zugeordnet. Von Döbereiner wurde sehr schön herausgearbeitet, wie dieses achte Prinzip Körper und Seele zu unterwerfen/ dominieren sucht, inwiefern es allem Lebendigen, Subjektiven und Individuellen grundsätzlich gegenläufig ist. Nach meinem Empfinden sollte sich jeder Astrologe, der sein ureigenes Wissensgebiet naturwissenschaftlich-statistisch überprüfen will, persönlich die Frage stellen, welche - möglicherweise dominante - Funktion Pluto bzw. die achte Phase (evtl. in Kombination mit Merkur) in seinem eigenen Radix spielt.Vielleicht steht hinter dem vermeintlichen Streben nach "Wahrheit" bzw. "objektiver Erkenntnis", hinter dem Jonglieren mit riesigen Datenmengen ja doch ein versteckter, unbewusster Machtanspruch. Die Astrologie scheint mir insofern tatsächlich eine "Zumutung an den menschlichen Geist" (Lockowandt) - da von diesem nicht beherrschbar...

In seiner bahnbrechenden statistischen Astrologie-Studie (in "Naturerklärung und Psyche", 1952) untersuchte C.G. Jung Ehepaare hinsichtlich des Auftretens einiger klassischer Synastrieaspekte. Er fand tatsächlich überzufällige (signifikante) Häufigkeiten der nach astrologischer Tradition zu erwartenden Konjunktionen Sonne-Mond, Mond-Mond sowie Mond-Aszendent. Dieses Ergebnis trat allerdings nur in seiner ersten Untersuchungsgruppe auf. In den Nachuntersuchungen waren die Effekte deutlich abgeschwächt - was Jung überraschenderweise auf seine eigene starke emotionale Beteiligung (Erwartungshaltung) bei der ersten Kohorte zurückführte. (Bei den Nachfolgeuntersuchungen war er emotional weniger engagiert gewesen, weniger an deren Ausgang interessiert.) Schon zu den erstaunlich erfolgreichen Rhineschen (parapsychologischen) Experimenten bemerkte er: "Interesselosigkeit und Langeweile wirken prohibitiv; Anteilnahme, positive Erwartung, Hoffnung und Glaube an die Möglichkeit der ESP verbessern die Resultate." Er ging also davon aus, dass seine anfänglich positiven Ergebnisse keinen Beweis für die Richtigkeit der astrologischen These darstellten, sondern hielt die aufgetretenen Signifikanzen für einen synchronistischen Effekt (!) - der bei Nachuntersuchungen, größeren Datenmengen oder neutraleren Forschern eben nicht mehr auftrat. Er sah das bei ihm selbst zum Vorschein getretene nicht-zufällige Ergebnis als eine Koinzidenz, Resonanz/ Anziehung bzw. Spiegelung seiner eigenen affektiven Aufladung. Das scheinbar "objektive" astrologische Datenmaterial bzw. Statistik-Ergebnis korrespondierte nach seinem Eindruck mit dem Aufgewühlt- bzw. unbewussten Angerührtsein des Forschers Jung.
Bezogen auf Frau Voltmers Studie hieße dies, dass eine mit weniger Engagement oder von einer anderen - zur astrologischen Sache weniger "affinen" - Person durchgeführte Nachuntersuchung von weniger Erfolg gekrönt sein dürfte.

Zum Schluss noch ein Zitat aus meinem Artikel "Das astrologische Paradigma": Paradigmen sind einander inkommensurabel (nicht vergleichbar) - "da auf fundamental unterschiedlichen Prinzipien, auf divergierenden Wahrnehmungsweisen bzw. 'Sprachen' beruhend... Jedes Paradigma hat seine ihm eigene Logik und Vernünftigkeit, ist in sich schlüssig und plausibel... Zwischen Natur- und Geisteswissenschaften herrschen gänzlich andere Vorstellungen von Objektivität und Wahrheit; sich gegenseitig zu testen - nach dem Motto 'wer hat recht' sollten sie bei solch differierenden Standpunkten (besser) unterlassen." Die astrologische Wahrheit ist eine dezidiert subjektive bzw. projektive, diskursive; jedenfalls keine faktische, instrumentell messbare. Versucht man sich ihr mit der statistischen Methodik zu nähern, erhält man bestenfalls widersprüchliche Resultate - über deren Bedeutung zu rätseln bzw. sich den Kopf zu zerbrechen ich eigtl. als sinnlos, als eine Vergeudung von Energie empfinde. Statistische "Astro-Tests" bringen uns in der Astrologie inhaltlich nicht weiter. Und das Beweisen der grundsätzlichen Gültigkeit ihres Welterklärungsmodells ist eh kein ureigenes Bedürfnis der Astrologen selbst; schließlich operieren sie täglich mit dem astrologischen System, wenden es als Werkzeug in der Praxis an. Die Astrologie zu rechtfertigen oder legitimieren zu wollen ist vielmehr ein von außen - von Naturwissenschaftlern oder Theologen (d.h. Angehörigen eines konkurrierenden Weltbildes) - herangetragener Anspruch.
Damit will ich keineswegs zum Ausdruck bringen, dass Astrologen ihr Tun nicht reflektieren bzw. hinterfragen sollten - im Gegenteil. Aber solche Selbstreflexion oder Meta-Betrachtung hätte auf der Grundlage der eigenen Wurzeln bzw. Prämissen zu erfolgen. Ich wünschte mir, dass die - eh spärliche, da nicht subventionierte - Forschungsenergie von Astrologen in eine Fortentwicklung der eigenen Theorien und Deutungselemente fließt, in ein vertieftes und elaborierteres Verständnis der Horoskopsymbolik sowie der durchaus komplexen astrologischen Beratungssituation. Ich wünschte mir, dass Astrologen ihre kostbare Zeit nicht mit unproduktiver Überzeugungsarbeit an - leider allzuoft denkfaule (um nicht zu sagen ideologisierte) - Skeptiker verschwenden, sondern sich in ihrer Forschung um qualitative, dem einzelnen Individuum in seiner Ganzheit gerecht werdende Methoden bemühen.

(verfasst 2003)