Claus D. Stahl: Vesta - das innere Feuer
Chiron Verlag, Tübingen 2001, ISBN 3-925100-56-3

Die Vesta ist ins Gerede gekommen. Entdeckt wurde der Planetoid von Olbers zwar schon 1807. Die erste astrologische Monografie verfasste Christian Meier-Parm nach umfangreichen Beobachtungen jedoch erst 1974 für den Ebertin Verlag („Der Planetoid Vesta. Das Prinzip des gastlichen Hauses“). Meier-Parm ordnete dem Himmelskörper überraschenderweise das Zeichen Jungfrau als Herrschaftsgebiet zu und regte kurz vor seinem Tod den Datensammler Hans Taeger an, sich mit der Vesta näher zu beschäftigen. Dieser wiederum animierte u.a. den Autor Claus Stahl zum Studium der Vesta - ursprünglich im Kontext einer Untersuchung von Alkoholabhängigen.
Im angloamerikanischen Sprachraum machte sich vor allem Demetra George um die Planetoiden verdient („Das Buch der Asteroiden“, 1991 ebenfalls im Chiron Verlag erschienen).
Mit einem Umfang von 88 Seiten legt Stahl ein eher dünnes Werk vor - welches nichtsdestotrotz das Thema umfassend zu behandeln sucht. Die astronomischen Zusammenhänge werden kurz beschrieben, ebenso die mythologischen Hintergründe.
Vom Astrophysikalischen her ist der Kleinplanet in der Tat besonders interessant: Im Unterschied zu den anderen Planetoiden besitzt er nämlich - wie die regulären Planeten - einen heißen, flüssigen bzw. geschmolzenen Kern. Es scheint sich bei ihm um eine Art riesigen, kosmischen Vulkan zu handeln.
Die Mythologie der Vesta gibt leider nicht allzuviel her: Vesta bzw. Hestia galt zum einen als Hüterin des heimischen Herdfeuers; zum anderen als Schutzpatronin des römischen Staates. Die überlieferte strenge Keuschheit der Vesta-Priesterinnen (der sog. Vestalinnen) bewog die Forscher - insbesondere D. George - einen Zusammenhang zur Sexualität herzustellen. Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Zuschreibung jedoch als ebensowenig stichhaltig wie die - vor allem von Taeger protegierte - Verbindung zur Jungfrau-Energie.
Die Gefahr bei der Erforschung eines neuen Himmelskörpers liegt darin, dass der Forscher (subjektiv) allzusehr von sich ausgeht. So passen die irdischen Jungfrau-Tugenden der Vernunft, Analyse und Kritik schwerlich zum grundsätzlich feurigen Charakter der Vesta. Unbestritten ist, dass es bei ihr um Zentrierung geht, um eine Konzentration bzw. Fokussierung - doch worauf? Auf die eigene Mitte, das Selbst, das eigentliche Wesen (wie Stahl meint)?
Schon in der Einleitung gibt der Autor den „teilweise hypothetischen Charakter“ seiner Erkenntnisse zu. In einem Kapitel spricht er gar explizit vom „bescheidenen astrologischen Wissen“ - weshalb noch weitere Beobachtungen und Untersuchungen nötig seien. Seine Beschreibungen der Vesta in den Zeichen und Häusern sind dennoch erstaunlich gut gelungen - trotz ihrer Pauschalität bzw. ihres unvermeidlichen Kochbuchcharakters.
Seine Skizzierung der Vesta-Aspekte - das bei dem Planetoiden eigtl. interessanteste Thema - ist jedoch relativ nichtssagend und unbefriedigend. Auch seine Beschreibung der Transite wirkt nicht überzeugend, hinterlässt beim Leser ein ungutes Gefühl. Man bemerkt ein spekulatives Stottern, spürbar ist die unsichere, wackelige empirische Basis - welche auch von dem knappen, kursorischen Charakter des Buches nicht überdeckt werden kann.
Ärgerlich schließlich ist, dass der Autor seine persönlich präferierte Philosophie - die Existenzialpsychologie von Fromm und Laing - mit der Vesta-Interpretation vermischt (Kapitel „Selbstsein und Weltbezug“).Die Astrologie ist als Psychologie bzw. Persönlichkeitstheorie älter und umfassender als jede Schulpsychologie oder psychoanalytische Richtung; d.h. sie hat eine philosophische oder psychologische Rechtfertigung keineswegs nötig. Zwar können Modelle wie die Archetypenlehre Jungs (welche eigtl. schon von Kepler präfiguriert wurde) die astrologische Theorienbildung durchaus befruchten. Das existenzialistische Konzept der Selbst-Entfremdung und -Zersplitterung hilft jedoch wenig zum Verständnis der vestalischen Wirkmechanismen.
Fazit: Das Buch ist ein Muss für alle (zurecht) von der Vesta Faszinierte. Es gibt derzeit - leider - nichts Besseres*.

(verfasst 2003)

* Inzwischen schon, s. meinen Artikel "Vesta-Forschung"!