Richard Vetter:
Astro-Analyse. Deutung des Horoskops - in seinen wichtigsten Elementen
CreastroVerlag 2009, Wasserburg am Inn, 334 Seiten, ISBN 978-3939078-50-0

(in der astrologischen Online-Zeitung Loop! am 25.4.2012)

Eine Stecknadel im Heuhaufen

Pop-astrologische Haus-Apotheken gibt es wie Sand am Meer. Gute Astrologen fassen so etwas gemeinhin nur mit spitzen Fingern an. Sinn ins eigene Horoskop hineinzubasteln, indem man sich auf Koch-Rezepte verlässt, bleibt erst mal das Hobby derjenigen, die gerade erst einsteigen. Sie konsumieren gern Gebrauchsanweisungen wie: Sonne in X oder Jupiter in Y machen fröhlich und stark. Meist stellt sich aber - beim Weiterleben - leider doch kurzfristig heraus, dass alles ganz anders ist.

Wenn nämlich Sonne in X oder Jupiter in Y sich wieder genau so trübselig oder schwächelnd aufführen, wie schon vor dem Lesen. Da braucht es Autoren, die es anders machen. Anders können. Weil sie in ihrer Arbeit eben nicht an den winschnittigen Oberflächen einer Breiten-Astrologie kratzen. Und dort hart am Wind des Trends segeln und lässig werden, nur um zu verkaufen.

RICHARD VETTER, Offenburger Astrologe und hervorragender Theoretiker wie Praktiker, ist so einer, der es anders kann. Er hat eine ganz frische Art von fundierter Zusammenstellung gewagt, die trotzdem auch für "Newbies" schlüssig ist. Der astrologische Ritt auf der Rasierklinge der Kategorien löst sich bei ihm völlig auf, obwohl er Ordnungen nutzt. Aber das allgegenwärtige Risiko, dabei kategorisch zu kurz zu schließen, mündet in seinem Buch "ASTRO-ANALYSE" sogar in einer sehr erweiternden Freiheit vom Festlegenden. Dieses spezielle Projekt Publikation verbindet damit endlich einmal die Einfachheit von Zuordnung mit dem scharfen Blick in die Tiefe astrologischer Analogien und psychologischer Archetypen. Es ist anwendungsbezogen, praktisch und analytisch. Es bringt schlicht weiter. Das ist vielleicht das größte Lob. Statt einzuengen, macht der Autor - ganz ohne Gerede oder ständige Seitenschritte - einige, längst zugeschlagene Türen auf.

Damit, dass er Genres verbindet, bricht Vetter auch gekonnt die Tradition der vielen, schläfrigen Rezept-Sammlungen, die sonst mit ihren einfachen Gleichungen astrologisch Interessierten ein X für ein U vormachen und gegen die Fachliteratur mit dem Fokus auf "echter" Astrologie stehen. Sein Buch ist klar in der astrologischen Aussage, deutlich in der Richtungs-Findung und äußerst erhellend in der Erkenntnis. Trotzdem kommt es für Profis und Neulinge gleichermaßen lesbar daher und ist tatsächlich die kleine Reise über und unter die üblichen Horizonte wert. Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen, sozusagen.

Wer Näheres über die Grund-Wegweiser des eigenen Charts (Aszendent, Himmelsmitte, Stände der beiden Lichter Sonne und Mond sowie verschiedene, wichtige Aspekte) wissen will, erfährt es hier vom Experten. Nicht nur dicht wie verständlich, sondern genauso so vielschichtig, wie Vetters Arbeiten immer sind. Hier zeigt sich sein großes Talent, vernetzte Zusammenhänge sichtbar zu machen und sie so zu transportieren, dass weder die professionell astrologischen Wurzeln, noch der Überblick auch nur ansatzweise verlorenginge. Im Gegenteil. Besonders für Profis, die ihre eigenen Thesen lieben, dürfte ein Satz des Autors eine gute Erinnerung sein: "Das letzte Wort, die Entscheidung über Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Zuschreibung, liegt in jedem Falle beim Horskopeigner. Dieser ist der Kompetenteste [...], er soll sich emanzipieren von mystischen Orakeln und dergleichen, er soll nichts aufgeschwatzt bekommen!" Daumen hoch. Rundum gelungen.

In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne - dieses Schiller-Zitat stellt Richard Vetter seiner "Astro-Analyse" voraus. Er versteht sie als Deutungsangebot, mitnichten als Deutungszwang. Will bewusst keine Widersprüche glätten, die sich immer durch die üblichen Fraktale von Charts (mit ihren vielschichtigen, teilweise widerstreitenden Anlagen) genauso ergeben können, wie im Menschen selbst. Und so begibt man sich als Leser bei einer ersten Sammlung eigener Konstellationen, deren Bedeutung Vetter durch seinen bekannten, psychologischen Zugang hervorragend unterfüttert, auch auf eine Entdeckungs-Tour zum Selbst, wo sowohl der Alltag, wie auch seine seelischen Über- und Unterbauten Raum finden.

Kurz: Man erkennt sich wieder. Keineswegs in den laschen Wissens-Hülsen, die man von der beliebten, aber allen ernsthaften Astrologie-Arbeitern wie dem Autor so fremden Pop-Astrologie nur zu gut kennt. Als typische, allgemein tratschige oder zurechtweisende Überschriften für das eigene Leben. Hier dagegen spielt die hoch professionelle Vielfalt dessen, was ein Mensch "auch noch" sein kann, die Hauptrolle. Das, was neben plakativen Urteilen liegt, die andere so leicht über jene ausgießen, zu denen schlimmstenfalls man selbst gehört. Und dann zusehen kann, wie man sich - um Himmels willen - aus dem Urteil (gern auch dem astrologischen der Astrologen!) wieder herauskämpft.

Das ist bei Vetter nicht nötig. Denn sein Weltzugang ist anders. Nicht nur, wer seine Website kennt, weiß, dass hier ein astrologischer Wissenschaftler am Werk ist, der seit über 30 Jahren forscht, sucht, findet und beschreibt. Als Diplom-Psychologe hat Vetter auch aus anderer als rein kosmologischer Sicht Mensch, Materie und deren Verbindungen gründlich studiert. Das kommt der "Astro-Analyse" klar zugute. Der Untertitel "Deutung des Horoskops in seinen wichtigsten Elementen" verspricht genau so viel, wie der Inhalt später leisten kann. Angenehmerweise beschränkt Vetter sich in seinen Beschreibungen von Planeten-Ständen und Aspekten auf das, was eben nicht überflüssig ist. Basics, die er auf den Punkt genau bebildert und mit viel Einfühlung für Seelenhaftes und die Philosophien des Seins umschreibt. Kein Wort zuviel. Und keins zuwenig.

Richard Vetters sonstige, umfängliche Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Nischen-Dasein der Astrologie ist bekannt, seine Bemühungen, eine neue gesellschaftliche Wertigkeit der alten Weisheit von der Sinnhaftigkeit der Sternenläufe zu unterstützen, sind immer wieder Stufen für eine moderne Treppe hin zu anderer Akzeptanz des Astrologischen gewesen. Wenn ein solcher Astrologe sich an ein Buch macht, das auch nur in den Verdacht kommen könnte, eine der berüchtigten Rezept-Sammlungen zu sein, muss er Selbstbewusstsein und vor allem eine äußerst stabile Grundlage der eigenen Arbeit mitbringen.

All das hat Richard Vetter. Und noch viel besser: Es vermittelt sich in seiner Publikation auch.

Selbst diejenigen, die "von Tuten und Blasen" nicht die geringste Ahnung haben, werden in der "Astro-Analyse" leichthändig, beherzt und sicher auf einen astrologischen Weg geleitet, der ungewöhnlicher-weise Hand und Fuß hat. Seite um Seite beweist sich Vetter damit als Autor, der Weichen stellt - auch für ein breiteres Publikum, das sich sonst meist hoch erfreut eher den inhaltlichen Niederungen einer Weichspüler-Astrologie hingibt.

Dass solche Leser nicht abbrechen, dafür sorgt Vetters unarroganter und eben nicht polarisierender Zugang. Der belegt, was Astrologie im besten Falle praktisch eben auch sein kann: Freundlich und souverän. Statt ständig im "Feindesland" dessen unterwegs, wogegen man meint, sich manchmal allzu hart abgrenzen zu müssen. Auch das ein schöner Sidekick. Als Alternative zu einem astrologischen Setting, wo immer noch ganz gern nach allen Seiten - anderer Wissenschaften oder Weisheiten - ausgekeilt wird.

Was am meisten auffällt: Das Buch ist hell. Lebensklug. Nah. Dazu flüssig, spannend und mit vielen "Aha-Momenten" gesegnet. Übrigens auch für Experten, die in der einen oder anderen Auslegung immer noch ein Eckchen finden werden, das ihnen bislang zwar am Rande das eigenen Vorgartens sicherlich begegnet ist, aber dann möglicherweise bei der Tagesarbeit wieder verloren ging. Es lohnt sich tatsächlich, hier anzuhalten, Vetters Blickwinkel nachzuspüren und dann vielleicht sogar das eine oder andere in den eigenen Arbeitsfundus aufzunehmen. Von der Grundanlage her hat die "Astro-Analyse" Form, Inhalt und insbesondere das Zeug, um in die Liste der Standard-Werke aufzusteigen. Den Stoff, aus dem Entwicklung ist: Erkenntnis. Und Mitgefühl.

Eine wundersame, seltene Mischung, die das Selbst entwickeln hilft. Was - soviel ist versprochen - ohnehin passieren wird, wenn man die Kern-Aussagen probehalber für wahr nimmt, die Richard Vetter immer wieder im Lesen anbietet. Ganz nebenbei vermittelt er dabei auch einen viel umfänglicheren Zugang als eine schlichte Herausnahme einzelner Konstellationen oder Aspekte. Ein Menschen- und Weltbild, das Ecken und Kanten hat, und von eben dieser Vielfalt geprägt ist. Wie auch vom Herausdestillieren des "Eigentlichen", das sonst oft unter der Oberfläche der Lebensbewältigung verborgen bleibt. Von Lösungen, die kreativ angedacht und angeboten werden, nicht vom Sich-Festfressen und Stagnieren im Problem.

Lebendige, bunte Symbole und Bilder, die sich in allen - auch den sonst spröderen - Themenbereichen wiederfinden, lassen Richard Vetters alte Heimat, die tiefenpsychologischen Landschaften der Seele, ganz selbstverständlich mitschwingen. Hier schreibt kein Oberlehrer. Sondern ein Menschenfreund. Vorsicht: Gut möglich, dass nach der Lektüre selbst der böse "Nachbar", dessen Chart man zufällig in Erfahrung bringen konnte, ein bisschen anders, verstehbarer, menschlicher daherkommt. Loop! vergibt nicht nur darum das Prädikat: Besonders wertvoll. Dieses Buch sitzt, wackelt und hat Platz. Bitte unbedingt bald mehr davon!

(s. die originale Rezension hier)