ALLGEMEINES (Vorbemerkungen)
Jung verstand sich als Pionier.
Er forschte in vielerlei Richtungen,schuf insbesondere keine abgeschlossene
(homogene, stringente, klar gegliederte) Theorie, eher ein assoziatives,
netzartiges Gewebe/ System (die Zeit für eine psychologische Gesamttheorie
sei noch nicht reif). Seine Kategorien und Begriffe haben etwas Fließendes,
gehen ineinander über, hängen mehr oder weniger zusammen. Er
formulierte vorläufig, gewissermaßen (pragmatische) Arbeitshypothesen,
phänomenologisch abstrahiert ("destilliert") aus seinen
Beobachtungen. (Er verkündete explizit keine metaphysischen Wahrheiten!)
Seine Empirie besteht im wesentlichen aus Fallanalysen von Klienten, aus
deren Träumen und Phantasien. Das daraus Gewonnene bestätigte
sich in Märchen, Sagen und Legenden, in der vergleichenden Mythologie
der Völker und in historischen Kulturphänomenen wie der Alchemie.
DAS (KOLLEKTIVE) UNBEWUSSTE
Im Unterschied zu Freud steht bei ihm das Unbewusste in
einem kompensatorischen (ausgleichenden) Verhältnis zum Bewussten.
Es wird positiv gewertet, gilt nicht als bloßes Anhängsel ("Abfallkorb")
des Bewusstseins, sondern als relativ selbständig, korrigiert dessen
Einseitigkeit. Es ist selbstregulierend und hat die Individuation zum
Ziel, d.h. sowohl die Befreiung aus einer falschen Persona, als auch von
einem unbewussten Gesteuertwerden. Die Freudsche Schicht des biografisch
Vergessenen und Verdrängten, des unterschwellig Wahrgenommenen und
Empfundenen bezeichnet Jung als das persönliche Unbewusste.
Darunter findet sich das sog. objektiv Psychische, eine Schicht
kollektiver Bilder und Motive, die bei allen Menschen mehr oder weniger
gleich, d.h. uns allen gemeinsam ist. Diese "Ur-Bilder" (Archetypen)
realisieren sich jederzeit und überall neu. Sie sind einerseits innerpsychisch
(vererbt, als phylogenetische Relikte), andererseits in Gruppen, Rassen,
etc. wirksam (als deren Unbewusstes).
DIE ARCHETYPEN
sind eingeprägte Veranlagungen, die instinkthaften
Ordnungsprinzipien ("Organe") der Psyche. Als seelische Konstanten
"organisieren" sie gewissermaßen das psychische Geschehen.
Sie gleichen abstrakten Formen, "leeren" Schemata; sie sind
nicht inhaltlich bestimmt, sondern stets erst noch mit Leben zu füllen.
Ihre äußere Gestalt ist wandelbar, die konkrete Ausgestaltung
oder Spezifizierung eines Grundmusters ist zwischen den Individuen und
Kulturen verschieden (etwa der sog. "Heldenkampf"). Metaphysisch
wären die Archetypen vergleichbar Platons Ideen - versehen allerdings
mit einer dunklen Seite, d.h. nicht nur "rein" und "ideal"...
Sie werden erlebt als vom Ich unabhängige Gebilde, wirken faszinierend,
handlungsanleitend, entsprechen den "Geistern" der Magie und
Primitivenpsychologie. Sie
sind polar (gut und böse, bedrohlich und unterstützend), vieldeutig
und unerschöpflich, ohne fest umrissene Konturen. Seelische Prozesse
erfolgen durch sie in einer gesetzmäßigen Abfolge; d.h. die
Archtypen sind sogar dynamisch (nicht statisch), treten auf als selbständig
handelnde Figuren (z.B. in der Imagination). Ihre Anzahl ist nicht begrenzt
[neuerdings kommt es populärwissenschaftlich jedoch zu einer gewissen
Inflation dessen, was alles "archetypisch" sei].
Ausgedrückt bzw. dem Bewusstsein vermittelt werden die Archetypen
durch Symbole.Diese verbinden (gr. sym-balein) zwischen
Bewusst und Unbewusst, haben demnach eine "transzendente Funktion",
gehören beiden Bereichen an. Echte, lebendige Symbole setzen etwas
in Bewegung, sind psychische Katalysatoren, Transformatoren der Libido
(seelischen Energie). Bzw., um als solche zu fungieren, müssen uns
Symbole emotional anrühren - vor allem aber bedeutungsoffen sein,
Unausgesprochenes (ein "Geheimnis") enthalten!
PROJEKTION
Normalerweise wird alles Unbewusste projiziert erfahren,
was bedeutet, eigene Seelenanteile im Außen/ in anderen zu erblicken.
In einer konkreten (projektiv überlagerten) Situation rufen äußere
Eindrücke ein inneres Bild auf den Plan, wird jeweils ein bereitliegendes
"Negativ" eingeschoben (einem Dia-Projektor vergleichbar).
Symptom einer Projektion ist das Gefühl von Unvollständigsein;
ihr Ergebnis ist eine illusionäre statt nüchtern-reale Beziehung
zur Umwelt. In der inneren Entwicklung/ dem Prozess der Bewusstwerdung
bzw. Individuation kommt es darauf an, seine Projektionen zurückzuziehen,
sie vom damit belegten Objekt (der Begierde oder Feindschaft) wieder abzukoppeln.
DAS ICH
ist der Träger des Bewusstseins, Brennpunkt und Subjekt
des Bewusstseinsfeldes; es hält die Kontinuität von Persönlichkeit
und Identität aufrecht. Als Ausschnitt oder Teil der Gesamtpersönlichkeit
ist das Ich auf innere wie äußere Objekte bezogen, stößt
dabei auf seine Grenzen, erbringt Realitätsprüfung und Anpassungsleistungen.
Es verleibt sich die Inhalte des Unbewussten allmählich ein, übersetzt
sie in bewusste Themen. Sich zu den Archetypen in ein Verhältnis
zu setzen, ist seine wichtigste Funktion, d.h. zu ordnen und zu strukturieren,
dem inneren "Chaos" etwas entgegenzusetzen!
Entwicklungsgeschichtlich geht das Ich (wie eine Insel) aus dem Meer des
Unbewussten hervor, einer ursprünglich uferlosen Ununterschiedenheit
(dem Uroboros, s. Erich Neumann). Bei einer Ich-Schwäche fällt
man dorthin wieder zurück, wird man von unbewussten Inhalten besetzt
oder überschwemmt (z.B. in einer Psychose), kann es zur Dissoziation,
einer Auflösung bzw. zu einem Kontrollverlust kommen. Eine weitere
Gefahr ist die sog. Inflation (wörtl. Aufblähung), die
Selbstüberhebung bzw. "luziferische" Identifikation mit
einem Archetyp (z.B. Nietzsches Größenwahn als Übermensch).
Das Ich bereitet dem Selbst den Weg. Seine Aufgabe ist schlicht einzugreifen,
in Beziehung zu treten mit dem Unbewussten - so dass eine Verwandlung
der inneren (archetypischen) Figuren stattfinden kann.
DER SCHATTEN
umfasst alle dunklen, minderwertigen, dem Ich unerwünschten
Persönlichkeitsanteile. Er ist das Rohe, Ordinäre, Triebhafte,
das Aggressive und Destruktive in einem. Er wird in der Regel projiziert
auf
ein gleichgeschlechtliches Gegenüber, auf den "bösen"
Nachbarn, den Verbrecher, Ausländer, die Prostituierte - welche das
tun, was ich mir nicht erlaube, gegen den oder die eine Abgrenzung (als
Nicht-Ich) erfolgt, worüber ich mich ärgere/ aufrege, was in
der Außenwelt beschimpft und bekämpft wird. Hinweise auf Schattenhaftes
sind Zornausbrüche wider Willen, überhaupt Affekte, sowie befremdete
Reaktionen der Umwelt (die den Schatten bei einem spürt und hervorlocken
will). Veranschaulichungen in Literatur und Mythologie wären Mephisto,
Mr. Hyde, P. Schlemihl, D. Grey bzw. die feindlichen Brüder Kain
und Abel, Siegfried und Hagen, der Kampf der Mächte des Lichts gegen
die der Finsternis...
Bei einer objektiven (statt urteilenden) Betrachtung enthält der
Schatten durchaus Positives - nämlich gesunde Instinkte und kreative
Impulse. Die Auseinandersetzung mit dem Schatten ist notwendig zur Definition
und Entwicklung des Ichs. Er fordert das Bewusstsein heraus, führt
zu einem moralischen Konflikt, erwartet von uns Stellungnahmen/ eine Entscheidung.
Im Zuge der Selbsterkenntnis ist die Schatten-Integration der erste grosse
Schritt, Voraussetzung und Bedingung jeder charakterlichen Reife. Verlangt
werden dafür Mut bzw. Ehrlichkeit zur Wahrnehmung und Konfrontation
mit der dunklen Seite, auch das "Hässliche" in sich anzuerkennen
und anzunehmen, sich damit zu versöhnen/ dazu zu stehen (denn jeder
ist sich selbst der ärgste Feind, mit sich selbst am unduldsamsten).
Das Eingestehen von Schuld und Verfehlung ("Sünde") befördert
mich - kathartisch, dialektisch - auf eine neue Stufe des Selbstbewusstseins
und -gefühls, hin zu mehr Ganzheit (deshalb das Bekenntnis der Anonymen
Alkoholiker: "Ich bin ein Alkoholiker").
Zu Beginn der Individuation bedeckt der Schatten das gesamte Unbewusste;
er verbindet sich speziell mit Personen der Biografie, d.h. des persönlichen
Unbewussten. Später differenzieren sich aus ihm weitere Archetypen
heraus, so
DIE ANIMA
Sie ist buchstäblich die Frau im Manne, sein
inneres Weibliches/ der Eros. Sie bringt unverständliche Launen,
macht ihn sentimental, labil und übersensibel, reizbar bzw. depressiv.
Sie übertreibt gerne, ist vielgestaltig, schillernd... und
dient als Grundlage von Liebesanziehung und -verstrickung (dem "Verlieben")
- wobei (in der Projektion) üblicherweise Äußeres und
Inneres verwechselt werden bzw. bei der Frauenwahl unbewusst die eigene
Schwäche (Ergänzung!) gesucht und angezogen wird.
Im Lebensverlauf wird der Anima-Archetyp zuerst auf die Mutter übertragen;
danach sind es Frauen, die das (irrationale) Gefühl ansprechen. Die
Anima wird idealisiert, verehrt, aber auch verflucht; sie erscheint dem
Auge als Fee, Nixe, Prinzessin, aber auch als Hexe. Der Archetyp durchläuft
vier Entwicklungsstufen bzw. Frauenbilder: von der nährenden Eva
zur betörenden Helena, von der angebeteten Maria zur weisen Sophia.
Die Anima produziert Verwirrungen im Verhältnis zur Welt, somit (eifersüchtig)
eine Abtrennung von außen (u.a. von der Partnerin) fordernd. Sie
wünscht ihre eigene Anerkennung, dass eine Beziehung zu ihr hergestellt
wird - was für den Mann hieße, auf sein Inneres zu achten.
Dann wird sie zur hilfreichen Begleiterin und Inspiration (wie Dantes
Beatrice), erfüllt sie ihre eigentliche Funktion - nämlich als
Mittlerin zum Selbst... und ermöglicht so erst wirkliche, unverzerrte
- nicht mit falschen Erwartungen überfrachtete - Beziehungen.
Sie wird kontrastiert von der
PERSONA
Diese ist die der Außenwelt dargestellte Seite,
unser dargebotenes Erscheinungsbild, die eingenommene soziale Rolle, die
Art und Weise unserer Anpassung an die Realität, an die Ansprüche
der Gesellschaft - kurz: eine mehr oder weniger künstliche Persönlichkeit
("Maske").
DER ANIMUS
ist der Mann (Geist, Logos) in der Frau,
ihre Intuition... Als nicht integrierter, autonomer Komplex ("Denkteufel")
hat er viele Stimmen, besteht er aus aufgesetzten (vom Gefühl abgehobenen)
Meinungen, aus absoluten, festen Prinzipien, unhinterfragten Überzeugungen.
Empirisch (in Träumen, etc.) erscheint er meist in der Mehrzahl:
als Rat der Ältesten, Versammlung von Autoritäten. Er ist das
große Vorbild, der Märchenprinz, der
Retter und Erlöser, aber auch der Unterdrücker und Dämon,
ein Ungeheuer, Zauberer, Heiliger und Prophet = allesamt Bilder, die von
einer Frau auf potentielle Partner projiziert werden. Die vier Stufen
des Animus sind (ähnlich wie bei der Anima): körperlich - romantisch
- geistig - weise.
Positiv (am rechten Platz) gelebt, gibt er Frauen Ideen, Mut und Initiative,
ein angemessenes Urteil bzw. Unterscheidungsvermögen. Wie die Anima
des Mannes ist er ein Vermittler zwischen Ich und Psyche, soll er nach
innen gewendet werden, als eine Art Seelenführer sich auf unbewusste
Inhalte konzentrieren, diese beleuchten, erforschen bzw. auf den richtigen
Begriff bringen.
DAS SELBST
ist die zentrale Instanz des Unbewussten. Es steuert und
umfasst die Gesamtpersönlichkeit, ist Anfang und Ende des Seelenlebens.
Es ist paradox und androgyn, entsteht aus der Vereinigung von Ich (inkl.
Schatten) mit Anima/ Animus und stellt eine Lösung, Überwindung
jener Aufspaltung in Gegensätze auf einer höheren Ebene dar.
Es steht jenseits von Gut und Böse (die als Wertkategorien relativ
werden), ist hell und dunkel, groß und klein, verbindet Himmel und
Erde, Bewusst und Unbewusst. Sein Kennzeichen ist Vollständigkeit
(keine harmonistische "Vollkommenheit").
Seine Symbole sind (in der Alchemie) die chymnische Hochzeit, der Stein
(der Weisen), das Gold, Elixier, die quinta essentia, ansonsten insbesondere
die Vierheit (u.a. das Kreuz, die vier Evangelisten), dessen Vielfache
(die Acht, Zwölf; die Apostel, Tierkreiszeichen) und der Kreis, das
(z.B. buddhistische) Rad ,
die Kugel - sowie deren Kombination: die sog. Quadratur des Kreises (das
eigtl. Unmögliche), das Mandala. Ihm zugehörige Motive und Bilder
wären der verborgene Schatz, die Kostbarkeit, der Kristall, die (himmlische)
Stadt, das Haus, der Baum, der Berg. Schließlich zeigt sich das
Selbst in übergeordneten Persönlichkeiten (bzw. es wird auf
solche projiziert): im König und der Königin, im Gott, der Göttin
oder im göttlichen Kind (der Frucht der gewonnenen Einheit).
Empirisch ist das Selbst nach Jung vom Gottesbild nicht unterscheidbar;
es offenbart sich als innere Stimme (Gewissen), ruft ein Gefühl von
Zeitlosigkeit und Transzendenz bzw. numinoser Ergriffenheit hervor. Auftauchenden
Ganzheitsbildern kommt im Therapieverlauf bzw. in einem Heilungsprozess
deswegen eine Schlüsselrolle zu - da sie den (Selbst-) Archetyp aktivieren,
das Ich wieder damit verbinden (re-ligio), ihm neue Richtung und Kraft
geben.
Das Wachstum hin zur Selbstverwirklichung nennt Jung Individuation:
ein Bewusst- und Ganzwerden, welches innere Auseinandersetzungen bedeutet,
sich zu lösen sowohl von Kollektivnormen wie auch von unbewussten
Zwängen, ein Differenzierungs- und zugleich Zentrierungsprozess mit
dem Ziel der individuellen ("individuierten") Persönlichkeit,
die "sich selbst" lebt, ihre Potentiale ausschöpft, das
Tao, den Weg der Mitte - zwischen den Polen - geht...
LITERATURHINWEISE
Jung, Carl G., Der Mensch und seine Symbole, Olten 1968 (viele
schöne Bilder, für ein breites Publikum gedacht)
- , Erinnerungen, Träume, Gedanken, Olten 1971 (Biografie)
Claremont de Castillejo, Irene, Die Töchter der Penelope,
Olten 1979 (über das weibliche Seelenleben)
Johnson, Robert, Traumvorstellung Liebe, München 1987 (warum
wie im Mythos von Tristan und Isolde Beziehungen so schwierig sind)
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