DER SUBJEKTIVE UND PROJEKTIVE CHARAKTER DER ASTROLOGIE
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Was ist die Wirkungsweise, was das Wirkprinzip der Astrologie? Auf welchen geistigen oder materiellen – oder psychischen – Mechanismen ist sie begründet? Warum versagen regelmäßig die statistischen Versuche, ihre Wirksamkeit nachzuweisen?
Dass die Astrologie im wesentlichen subjektiver und projektiver Natur ist, hört sich im ersten Moment provokant oder gar „revolutionär“ an. Im Folgenden werden jedoch eine Reihe – größtenteils schon bekannter – erkenntnistheoretischer und psychologischer Indizien bzw. Zitate aufgelistet, um diese These zu untermauern:

A. SUBJEKTIV

  • die geozentrische Perspektive

Die Planeten und Tierkreiszeichen wurden in der Astrologie schon immer auf die Erde bezogen. Die Sternenkunde machte die sog. Kopernikanische Wende (hin zu einem heliozentrischen, d.h. sonnenbezogenen Weltbild) nicht mit. Zwar wurden historisch die durch Kopernikus und insbesondere Kepler verbesserten Berechnungsgrundlagen von den Astrologen allgemein begrüßt. Die Erde blieb jedoch nach wie vor im Mittelpunkt, blieb Ausgangspunkt der – erfahrungsorientierten – Betrachtung. D.h. die Sonne geht in der Astrologie wie gehabt auf und unter, getreu dem subjektiven Augenschein, und der Himmel dreht sich immer noch täglich um die Erde – nicht umgekehrt. Für die Berechnung der Tierkreiszeichen ist entscheidend, an welchem Punkt der Ekliptik die Erde sich gerade befindet. Diese relative Position der Erde zur Sonne ist für den (Tropischen) Tierkreis maßgeblich. Deshalb gilt ja auch die Frühjahrs-Sonnwende als Beginn des Tierkreiszeichens Widder – keine irgendwie absoluten oder „objektiven“ Sternkoordinaten der Astronomie… (s. Abbildung)das topozentrische Weltbild

  • die topozentrische Sichtweise

Jedes Häusersystem, egal welcher Colour, ist auf die Erdoberfläche als Beobachtungsstandpunkt bzw. auf den Ort des betrachteten Ereignisses oder der Geburt bezogen. Bei allem intern herrschenden Methodenstreit der verschiedenen astrologischen Schulen (über die ’richtigen’ Häuser) sind die Hauptachsen (horizontal: Aszendent – Deszendent, vertikal: Medium Coeli – Immum Coeli) doch unstrittig (Differenzen existieren lediglich hinsichtlich der sog. Zwischenhäuser).

  • die psychologische Bezugnahme

Astrologie ist subjektbezogen. Sie bezieht sich auf die Innenansicht der Dinge, auf die innere Wirklichkeit (so wie wir die Welt wahrnehmen und erfahren). Sie unterscheidet dabei im Grunde nicht zwischen aktivem und passivem Erleben, zwischen Subjekt und Objekt einer Handlung. Es zählt allein der seelische Wert, der subjektiv-emotionale Gehalt einer Situation oder eines Ereignisses – nicht dessen äußerlich greifbare, mit physikalischen Instrumenten messbare Realität. Die Astrologie ist also nicht konkret zu verstehen, sondern symbolisch (von griechisch sym-balein, wörtlich ’zusammen-werfen’, d.h. Bewusstes und Unbewusstes verbindend). Die astrologischen Symbole beschreiben zuvorderst, wie eine Person sich selbst und ihre Welt erfährt, wie sie für sich (privat) denkt und fühlt - und nur indirekt, wie sie von außen wahrgenommen wird (weshalb auch gerade astrologische Aussagen über Seelisch-Emotionales erstaunlich oft zutreffen.)
Konsequenterweise erfasste die Psychologin Ulrike Voltmer in ihrer empirischen Untersuchung von Transiten ausdrücklich die "Veränderung der persönlichen Sichtweise", also die subjektive Bedeutung, welche ein Mensch etwa einem Ereignis gibt. Voltmer begründet dieses Vorgehen, indem sie schreibt: "Lebenskonstrukte können für einen einzelnen mehr oder weniger plausibel sein, können subjektiven Erklärungswert besitzen und insofern heilsam wirken, doch eine Tatsachenbasiertheit ist nur schwer nachweisbar.“

Diese erkenntnistheoretische Position zeigt nun eine erstaunliche Parallele zur modernen Philosophie des Konstruktivismus. Welcher nämlich „für die Auffassung steht, dass wir die Wirklichkeit subjektiv ’erfinden’ (konstruieren) und nicht - wie nach realistischer Auffassung - objektiv ’entdecken’. Im Konstruktivismus wird nicht etwa geleugnet, dass es eine Welt ’dort draußen’ gibt. Vielmehr wird betont, dass uns diese äußere Welt nur via Beobachtung zugänglich, d.h. immer schon eine interpretierte Welt ist, über die wir uns nur kommunikativ verständigen/ einigen können.“ (Quelle: Internet-Lexikon)

  • mythologischer Hintergrund und methodologische Konsequenzen

Mythen sind überlieferte Erzählungen, Sinn-Geschichten, Sinn-Lehren – die uns etwas über Inhalt und Zweck des Lebens auf der Erde vermitteln wollen. Die Astrologie ist, wenn man nur an die in ihr eine große Rolle spielenden griechischen Götter denkt, eine recht umfangreiche Mythologie. Voltmer nennt sie eine "Lebensinterpretationslehre" - in welcher die Sterne und Planeten Bedeutungs- oder Sinnträger sind, die nicht per se wirken, sondern als ’Sinnkonzentrate’, d.h. vermittelst der ihnen zugeschriebenen Bedeutung. Der Himmel hat konsequenterweise nur die Bedeutung, die wir ihm geben! Auch Transite, so ’astronomisch objektiv’ sie zu sein scheinen, sind in dieser psychologisch-mythologischen Sicht lediglich die Indikatoren oder Begleiter einer inneren Entwicklung.
Für die Astrologie als ’Sinn-Geschichte über den Menschen und seine Welt’ ist also nicht das Reale, Faktische wichtig, sondern das über Leben und Welt ’Konstruierte’, das Wahrgenommene und Zugeschriebene. (Anmerkung: In Indien, China und Amerika erfolgte diese Attribution oder Bedeutungszuschreibung kulturbedingt auf andere Weise; entwickelt wurde dort eine jeweils auf die speziellen seelischen Bedürfnisse und Nöte der Kultur zugeschnittene - und von der abendländischen deutlich unterschiedene - Astrologie.)

Sinn-Relevanz der Astrologie: Ohne Einbezug dieses essentiellen Sinnprinzips lässt sich in der Astrologie folglich keinerlei ’Wahrheit’ ergründen; ohne angemessene Berücksichtigung des „Warum“ und insbesondere des „Wozu“ ist auch keine empirische Überprüfung des astrologischen Wahrheitsgehaltes möglich. Die zentrale Bedeutung dieses Punktes ist schon in der astrologischen Beratungs-Praxis ersichtlich: diese dient ja in erster Linie der Sinnfindung. Man geht zum Astrologen vor allem mit existenziellen Fragen - wenn man sich orientierungslos, unsicher, ’verloren’ fühlt. Zur Beantwortung genau solcher grundsätzlichen Lebensfragen wurde die Astrologie entwickelt. (Voltmer erwähnt das den astrologischen Aussagen immanente „teleologische Moment“, bzw. dass die Horoskopsymbolik gewissermaßen als „Wegweiser’“ fungiere: und zwar dafür, wie ein Individuum eigtl. gemeint sei, wieso es von bestimmten schicksalshaften Ereignissen getroffen werde, etc.).
Auf den Sinn-Faktor als wesentlichem Prinzip bezieht sich auch die von Jung/ Pauli zur Erklärung u.a. des astrologischen Wirkzusammenhangs angeführte - ursprünglich auf dem okkult-magischen Konzept der ’Sympathie’ beruhende - „Synchronizität“. Diese wird verstanden als „akausale“ (nicht ursächliche) Verbindung gleichzeitig stattfindender Geschehnisse. Personen und Dinge (bzw. Planetenzyklen), die vordergründig scheinbar nichts miteinander gemein haben, hängen demnach sehr wohl zusammen - und zwar aufgrund einer inneren, sinngemäßen Übereinstimmung bzw. Koinzidenz. Wann und wo etwas geschieht, ist in dieser Sicht keineswegs beliebig oder zufällig, sondern abhängig von für das Alltagsbewusstsein verborgenen – sehr wohl aber sinnhaften - Abläufen und Prozessen. (Wofür die Zeit jeweils ’reif’ ist, suchen ’Schicksalskünder’ wie die Astrologen mittels des astrologischen Sinn-Codes gerade zu entschlüsseln...)

Deshalb scheitern zwangsläufig auch die angestellten statistischen Tests der Astrologie. Ihnen fehlt es eben an dieser für astrologische Zusammenhänge so maßgeblichen Sinn-Komponente. Derartige „Validierungsversuche“ erfolgen ja zwangsläufig in einem wertfreien Raum; die jeweiligen Horoskopeigner etwa profitieren von solchen Untersuchungen in der Regel kein bisschen (sie erhalten dabei keine Antworten auf ihre persönlichen Sinn-Fragen), zumindest nicht unmittelbar. Aus der Sinn-Warte erfüllen diese Astro-Tests bloß eine Art Selbstzweck; sie befriedigen lediglich die Beweissucht (von Wissenschaftlern und Skeptikern), sie dienen nur einer unsinnigen Rechtfertigung bzw. Legitimation astrologischen Tuns.
Einer - im naturwissenschaftlichen Sinne – ’objektiven’ Untersuchung der Astrologie mangelt es zwangsläufig an der so wesentlichen subjektiv-existenziellen Betroffenheit (sowohl der Horoskopeigner wie der Wissenschaftler), d.h. eines individuellen wie aktuellen Schicksalsbezugs. Aus der Perspektive des Schicksalshaften - welches ja mit der Astrologie innigst verflochten ist, man denke nur an das Theorem „Person = Schicksal“ - sind statistische Tests nur eine Art ’Jux und Dollerei’. Denn für ’Höheres’ (für Metaphysisches, Finales, Teleologisches) bieten sie keinerlei Raum; in der Regel ebensowenig für die Intuition oder ganzheitliche Wahrnehmung des Astrologen.
Hinzu kommt, dass in den jeweils erhobenen Datenmengen die Einzeldaten nahezu beliebig sind (je größer die Anzahl). Individuelle Einzigartigkeiten werden von den durchgeführten Rechenverfahren gnadenlos nivelliert - was man dann euphemistisch ’Neutralisierung’ oder ’Anonymisierung’ nennt… Tatsache ist, dass bei statistischen Tests – paradigmatisch absichtlich bzw. vorsätzlich - einmalige, unverwechselbare Ereignisse und Gegebenheiten - welche aus astrologischer Perspektive die Welt eigtl. ausmachen - unter den Tisch fallen.
Dazu bemerkte C.G. Jung: "Die statistische Methode stützt sich auf die Voraussetzung eines Kontinuums uniformer Gegenstände. Das Synchronizitäts-Phänomen aber ist ein qualifiziertes, individuelles Ergebnis, welches durch die statistische Methode ruiniert wird."
Und von Walter Koch stammt die Aussage: „Die symbolische Astrologie hat als Deutungsprinzip die Analogie oder Entsprechung, den Synchronismus oder die Korrelation. An die Stelle einer niederen Kausalverknüpfung tritt hier eine höhere Ähnlichkeitsbeziehung. Tatsächlich handelt es sich bei astrologischen Deutungen nicht um die Aufzeigung physikalischer Wirkungen, sondern um Bedeutungszusammenhänge und innere Gleichartigkeiten, also um geistige Werte. Weil die Astrologie sich mit Leben, Seele, menschlichem Tun und irdischem Geschehen beschäftigt, ist sie dem Naturwissenschaftler alten Schlages und materialistischer Prägung unzugänglich, den nur der Stoff, seine Strahlungen und seine kausalmechanischen Gesetze interessieren.“
Ähnlich äußerte sich auch Wilhelm Knappich: „Die symbolische Astrologie will keine Wissenschaft im exakten Sinne, sondern eine kosmische Deutungskunst sein, sie verlangt, dass der Astrologe wieder das wird, was er ursprünglich war, ein Zeichendeuter, aber kein Astrophysiker, ein Künstler, der das Weltall physiognomisch und nicht physikalisch betrachtet. … Für eine rein symbolisch aufgefasste Astrologie sind die Planeten- und Tierkreiszeichengestalten nichts anderes als Zeichenträger, die von sich aus weder etwas bewirken noch etwas anzeigen können…“

Nun sind Sinnfindung und -zuschreibung prinzipiell intersubjektive Vorgänge, untrennbar verbunden mit sozialen Zusammenhängen. Bedeutung und Sinn der astrologischen Symbole wurden ursprünglich kollektiv-gemeinschaftlich festgelegt - und werden normalerweise, in der aktuellen Deutungssituation, im Gespräch ’wiedergefunden’. In der astrologischen Beratung wird also der Sinn der „Himmelssemiotik“ (Ertel) kommunikativ entschlüsselt; der seelisch-emotionale Gehalt einer Konstellation wird über einen gemeinsamen Verständigungsprozess quasi ’rekonstruiert’ (s. Schlegel). Man einigt sich im Diskurs über die einem konkreten Äußeren (dem ’Phänotyp’) zugrunde liegende innere Bedeutung (dessen ’Genotyp’ oder Archetyp’). Wobei im Gesprächsverlauf eine allmähliche, phänomenologische bzw. amplifikatorische Annäherung (Umkreisung) der jeweiligen persönlichen, subjektiven ’Wahrheit’ erfolgt.
Astrologie ist folglich eine Geisteswissenschaft bzw. mit diesen verwandt - keine - auf äußere, physische Gegenstände bezogene - Naturwissenschaft. Vor hundert Jahren charakterisierte Wilhem Dilthey den Unterschied dieser beiden Wissenschafts-Richtungen mithilfe des Begriffspaars ’Erklären’ vs. ’Verstehen’ (seine Formel lautete: „die Natur erklären wir, die Seele verstehen wir“). Nach ihm kann nur eine idiografische, am Einzelfall orientierte Forschungs-Methodik dem Typischen des Menschen, nämlich seiner Individualität gerecht werden - keine nomothetische, nach universellen Gesetzen suchende (wie die der Naturwissenschaften). Bei den Geisteswissenschaften dreht es sich zuvorderst um das Einzigartige, Besondere, Individuelle - welches zumindest in den ersten Forschungs-Schritten keinen allgemeingültigen Gesetzen unterworfen wird.
Zugleich bedarf in den Geisteswissenschaften – im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen ’Neutralität’ - jede Untersuchung der persönlichen Betroffenheit, der inneren Beteiligung (Anteilnahme) des Forschers an seinem Gegenstand. Bei den Methoden der Phänomenologie (Husserl), der Hermeneutik (Dilthey) und auch in der Astrologie geht es um ein Verstehen oder Einfühlen in das Wesentliche, um das Herausschälen von Sinnstrukturen sowie um ein Sich-Hineinversetzen, um ein Wiederfinden des Ich im Du. Jedes distanzierte, ’sterile’ Verhältnis zum Untersuchungsobjekt ist dort inadäquat.
Die Instanz der astrologischen ’Wahrheit’ kann deshalb nur das (Beratungs-)Gespräch sein, bzw. der Diskurs, die zwischenmenschliche Kommunikation. Oskar Lockowandt sprach in diesem Zusammenhang von einem Dialog-Konsens-Kriterium, von einer in der Astrologie angebrachten „dialogischen oder kommunkationspsychologischen Validierung“ (einer gemeinsamen Ermittlung/ Erschließung bzw. Entschlüsselung des Sinns). Von dem Philosohen Karl Jaspers stammt die in dieselbe Richtung gehende Äußerung: „Die Wahrheit beginnt zu zweien“, d.h. im Gespräch.

Zur sog. „Objektivität“ wäre zu bemerken, dass grundsätzlich eigtl. jede Erkenntnis subjektiv ist, insofern sie nämlich von einem Subjekt – bzw. von Subjektivem – ausgeht: Schon Kant stellte fest, dass kein unmittelbarer Zugang zur Objektivität möglich sei; das Subjekt konstituiere vielmehr das Objektive. Der Psychologe Rudolf Sponsel schreibt erläuternd hierzu: „Wie sollte denn ein Objekt erkannt werden, ohne dass es ein erkennendes Objekt, ein Subjekt, gibt? Sobald wir erkennen, bringen wir unser Wahrnehmungs- und Erkenntnissystem mit ein. Und sobald wir unser Erkenntnis- und Wahrnehmungssystem wegdenken, können wir nicht mehr erkennen. Denn zum Erkennen gehören immer mindestens zwei. Wie ein Ding an sich ist, wenn es nicht erkannt wird, ist sozusagen eine unsinnige Frage, denn ein nicht erkanntes Ding, das ist ein unbekanntes Ding, d.h. wir wissen nicht, was es für ein Ding ist. Und sobald wir mit unseren Erkenntnissystemen an Dinge herantreten, ’erzeugen’ wir dieses Ding durch unser Erkenntnissystem…“ (Quelle: Internet)
Im Grunde ist die von den Naturwissenschaftlern stets propagierte und geforderte Objektivität also ein unmögliches Unterfangen. Sie ist eine Illusion; es gibt sie nicht, kann sie gar nicht geben. Jedes Erkennen (wie Wahrnehmen, Beschreiben, Urteilen) ist subjektiv und damit relativ, geht nämlich von bestimmten Voraussetzungen bzw. Vorannahmen aus. Es gibt keine „direkte“, unmittelbare Erfahrung. Eine Beobachtung ist immer vermittelt durch die gegebenen Wahrnehmungs- und Denkstrukturen (oder Messgeräte). Empirisches Material wird stets mithilfe einer Hypothese generiert - und immer bewertet im Lichte einer schon vorhandenen Theorie.
Zu diesem Primat der Theorie über die Empirie bekannte sich auch eindeutig der Pionier der modernen Physik, Albert Einstein: „Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann“. Und dass die strenge Trennung von Subjekt und Objekt undurchführbar ist, Beobachter und Beobachtetes letztlich eine untrennbare Einheit bilden, zeigt die Quantenphysik - deren Ergebnisse sich abhängig erweisen vom jeweiligen Versuchsaufbau. Was im Grunde bedeutet, dass die naturwissenschaftliche Programmatik sich in ihrer strengsten Disziplin (der Physik) selbst ad absurdum führt. Die cartesianische Aufteilung von Subjekt und Objekt (res cogitans vs. res extensa) kann darin nicht mehr aufrecht erhalten werden; die Subjektivität ist im dortigen Forschungsprozess nicht völlig ausschaltbar (das sog. Lokalitätsproblem, s. Pauli). Dabei ist die ’wissenschaftliche Objektivität’ eine Illusion bzw. eine Frage der Definition; sie ist in der Praxis abhängig von den getroffenenen Übereinkünften der beteiligten Wissenschaftler bzw. von deren – letztlich subjektivem - Glauben, dass ihre Instrumente das Gemeinte auch messen. Die menschliche Subjektivität kann auch von den Naturwissenschaftlern bestenfalls kontrolliert oder standardisiert werden – was von ihnen dann gerne etwas hochgestochen „Intersubjektivität“genannt wird – im Grunde jedoch auf eine ’Mischung’ oder Durchschnittsbildung der einzelnen Subjektivitäten hinausläuft…

anima Mundi (Fludd)Ergo: Auch Wissenschaftler sind Subjekte – deren "Wahrheit" bestenfalls intersubjektiver Natur ist. Die – naheliegende, bzw. logische - erkenntnistheoretische Position Schopenhauers dazu lautet: Die Außenwelt ist ebenso subjekthaft wie der Mensch: Denn nur aufgrund unserer fundamentalen und umfassenden Identität mit Natur und Kosmos können wir diese überhaupt erkennen. Die Welt besitzt alles, was wir auch haben - und umgekehrt. D.h. wir können die Welt gerade auch in unserem Subjektsein bzw. in unserer Subjektivität wiederfinden…
Nach Jochen Kirchhoff wäre das Medium unserer Verbundenheit mit allem (ähnlich wie auch bei Ken Wilber) die anima mundi oder sog. Weltseele. Sie ist das (kollektive) Über-Bewusste (in Abhebung zum Jungschen Unbewussten), an der jede individuelle Seele teil hat. Es handelt sich bei dieser ’Weltseele’ um ein ursprünglich mittelalterliches bzw. alchemistisches Konzept (in der Tradition des magischen „unus mundus“), welches noch von Kepler zur Erklärung der astrologischen Wirksamkeit herangezogen wurde. (Nach Kepler besitzt die menschliche Seele einen „angeborenen, harmonischen Instinkt“ zum Spüren bzw. Erfassen der astrologischen Aspekte. Medium oder Fluidum dieser Wahrnehmung sei die besagte anima mundi…)
Aber: Ist in der Astrologie nicht doch eine gewisse Objektivität möglich?
In den Geisteswissenschaften geht man immerhin aus von einem sog. „objektiven Geist“ (s. Dilthey und Spranger, der Begriff stammt ursprünglich von Hegel). Dieser „objektive Geist“ setzt sich zusammen aus universalen, generellen Kategorien oder Konstanten des menschlichen Geistes - vergleichbar den Platonischen Ideen (oder auch Jungschen Archetypen). Nach Plato ist bekanntlich „alles Wissen ein Wiedererinnern“; d.h. in den Geisteswissenschaften ginge es demnach um ein Wiederfinden abstrakter geistiger Inhalte und Strukturen (der „objektiven“, „ewigen“ Ideen) im Konkreten (n dem von den Geisteswissenschaften untersuchten jeweiligen psychischen oder sozialen Bereich). (Nach Kirchhoff ist der „objektive Geist“ übrigens auch in der (klassischen) Musik, in den sog. ’Archephonen’ vorhanden bzw. hörbar, in deren transmentalen Klangmuster bzw. –strukturen.)
Hier findet sich nun die entscheidende methodologische Parallele zur Astrologie: „In der astrologischen Forschung wie Interpretationskunst geht es gerade darum, die hinter dem Vordergründigen/ Geschilderten liegenden urtypischen Regelmäßigkeiten, Muster und Strukturen wahrzunehmen. Während der Deutung wird im - assoziativen, zugleich aber analogiegeleiteten - Kreisen um ein spezielles Thema oder Problem dessen Essenz sukzessive deutlicher. Im suchenden Hin- und Herwechseln zwischen der Meta- und der Konkretisationsebene wird das allzu Subjektive überwunden, erschließt sich allmählich doch eine ’objektive’, transzendente, universelle Wahrheit des fraglichen Punktes - kommt es zur sog. ’Evidenz’. Der Horoskopeigner fühlt sich dann von der Deutung getroffen, verstanden, unterstützt und erkannt, weil an ’Höheres’, an Schicksal und Sinn in ihm gerührt, seine individuelle Thematik in einen umfassenden, größeren Zusammenhang gestellt wird“ (aus meinem Artikel ’Astrologie und Wissenschaft’).
Auch astrologie-immanent, innerhalb des astrologischen Modells (in der dialektischen Polarität des zweiten und vierten Quadranten bzw. der Urprinzipien Mond – Saturn) bedeutet die zeitweilige Konzentration auf Subjektives keineswegs eine dauerhafte Beliebigkeit oder Willkür im Erfahren und Wissen. Die Subjektivität (Quadrant II) gilt als notwendige, unverzichtbare Ausgangs-, aber auch Durchgangsphase (in der man nicht verharren bzw. ’steckenbleiben’ darf) zum Objektiven von Quadrant IV. In Döbereiners Quadranten-Dreischritt ist das sog. ’Empfinden’ - das Innere/ Subjektive, das (emotionsgeleitete) Handeln bzw. das typisch Menschliche des zweiten Quadranten - die notwendige Vorstufe zum Allgemeingültigen, zum Entsubjektivierten, Bedeutenden, ’Wahren’ des vierten Quadranten. Um eine überpersönlich Warte zu gewinnen, einen erkenntnismäßigen Abstand zum ’Nur-Subjektiven’ zu erreichen, bedarf es gerade des ’Durcharbeitens’ und ’Durchlebens’ des Subjektiven.
Die Subjektivität als ’Schleuse’ zur Objektivität finden wir auch in der Psychologie: Denn nur wer durch die ’innere Hölle’ ging, platt gesprochen, ist in der Lage, sich außerhalb seiner selbst zu stellen, sich von sich selbst zu distanzieren, von den eigenen Bedürfnissen, Gelüsten, Süchten, usw. zu abstrahieren, d.h. potentiell objektiv zu sein. Diese ’Objektivität’ ist immer ein Ergebnis/ eine Folge durchstandener Erlebnisse… In den Theorien und Methoden der Transpersonalen und Jung'schen Richtung der Psychologie wird entsprechend stets beim Subjektiven (Innenleben) angesetzt bzw. 'eingestiegen', dieses im Verlauf des psychodynamischen Prozesses jedoch transzendiert - um schließlich bei Objektivem, d.h. bei Archetypen, bei seelisch-mythologischen Wahrheiten anzugelangen (man denke etwa an Grof's kathartisches Wiedererleben von Traumata). In der Humanistischen und Transpersonalen Psychologie bzw. Therapie ist die sog. Transzendenz oder das ’Selbst’ nur über den Weg des Emotionalen erreichbar (Rogers' und Gendlin’s Aufmerksamkeit für Gefühlsbotschaften kommt nicht von ungefähr, hat auf dem Weg zur inneren Wahrheit eine beschleunigende, katalysatorische Wirkung ). Das Subjektiv-Seelische gilt diesen psychotherapeutischen Richtungen als unabdingbare, zu durchschreitende Seelen-Schicht - um am Ende zu überpersönlichen, transpersonalen Ebenen bzw. Realisationen vorzudringen.
Der moderne Okkultist und Magier Julius Evola formulierte dies in Kurzform so: „Vom initiatischen Standpunkt bedeutet erkennen nicht, das erkannte Objekt denken, sondern es sein. Eine Sache erkennt man erst dann tatsächlich, wenn man sie verwirklicht… Damit wird Erkenntnis gleichbedeutend mit Erfahrung…“
Selbiges gilt für die astrologische Beratung: Will man in einem Deutungsprozess zu irgendeiner Objektivität oder überpersönlichen Wahrheit gelangen, muss man stets erstmal beim Individuellen, Subjektiven bzw. ’anamnestisch’ bei den Fakten der Lebensgeschichte ansetzen – und diese im Verlauf des Beratungsgesprächs ’transfigurieren’, d.h. in den Rahmen des individuellen Mythos stellen.
Wie Subjektives zu Objektivem werden kann, beschreibt auch der Jurist und derzeitige bundesdeutsche Innenminister Otto Schily (bezogen auf den Rechtsbereich): "Gebote und Verbote sind - wie das Recht überhaupt - Formen der zwischen den Menschen vorhandenen und sich in einem kommunikativen Prozess ständig verändernden Gefühle. Im lateinischen Wort Konsens kommt das sehr gut zum Ausdruck. Recht ist in erster Linie Konsens, Zusammenfühlen. ... Wer es gewohnt ist, Gefühle nur als eine höchst private, gewissermaßen flatterhafte Angelegenheit zu betrachten, dem wird der Gedanke schwer zugänglich sein, das Recht ausgerechnet dem Gefühlsleben zuzuweisen. Ein gemeinsames Gefühl, das Menschen miteinander verbindet, wird dadurch aber durchaus zu etwas Objektivem…"

B. PROJEKTIV

  • Definition

Projektion ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, und bedeutet, eigene Seelenanteile, allerdings unbewusst, im Außen bzw. in anderen Menschen wahrzunehmen – vergleichbar einem Dia-Projektor, in den vom Unbewussten ein der eigenen Psyche entstammendes Bild eingeschoben wurde; ein Bild, welches dann auf der entfernten Leinwand, praktisch also außerhalb von einem selbst betrachtet wird. Eine typische Eigenheit der Projektion ist ihre ’Blindheit’ gegenüber Naheliegendem – d.h. den Splitter im Auge des anderen zu sehen, aber den Balken vor dem eigenen Kopf nicht zu bemerken.
C.G. Jung beschrieb in seinen späten Lebensjahren die Astrologie als nach diesem Mechanismus funktionierend: Sie beruhe „auf einer psychischen Erfahrungstatsache, die wir als ’Projektion’ bezeichnen – d.h. es sind sozusagen seelische Inhalte, die wir in den Sternenkonstellationen finden.“ Und an anderer Stelle meinte er: „Alle… Tierkreiszeichen sind mythologische Geschöpfe des Menschen. Der Mensch hat den Sternen den Namen gegeben. Der Löwe sieht nicht wie ein Löwe aus, aber der Mensch hat ihn so genannt, weil die Sonne in dieser verheerenden Jahreszeit, wenn die Hitze unerträglich ist und alles vertrocknet und verbrennt, tatsächlich auf ihrem Höchststand ist.“ Für die projektive Grundlage der Astrologie ist nach Jung zudem bezeichnend, „ausgerechnet im Fernsten das Nächste zu sehen“…
Unsere Altvorderen ’malten’ also quasi ihre Innenvorgänge, ihre inneren Figuren und Abläufe an den Himmel. Sie ’sahen’ dort etwas, das eigtl. ihrem eigenen, kollektiven Seelenleben entstammte: nämlich urtümliche Seelen-Bilder bzw. Archetypen.
Auch wenn bei solchem Projektions-Vorgang praktisch eine Selbst-Täuschung vorliegt, es sich bei den astralen Mythen also um von Menschen mehr oder weniger erfundene Geschichten handelt, sind die zugrunde liegenden, von ihnen gespürten Inhalte und Energien doch real. Die ’gesehenen’ Mächte oder Kräfte sind tatsächlich in der Psyche der Projizierenden existent bzw. wirksam (denn nur etwas im Inneren Vorhandenes kann nach außen projiziert werden). Bei der Herausbildung der Sternenmythen wurden der Inhalt und die vermeintliche Bedeutung der jeweiligen Konstellationen oder Sternbilder als Spiegelung der aktuell verspürten Zeitqualität am Himmel ’wahrgenommen’, bzw. genauer, ’empfunden’ (zumal etwa die Fixsterne hinter der Sonne tagsüber gar nicht erblickt werden konnten).

  • Archetypen (Was wird projiziert?)

In seinen Forschungen zu Mythen und Träumen stellte Jung fest, dass allen Menschen bestimmte Urmuster des Erlebens und Verhaltens zu eigen sind. Diese grundlegenden Seelenprinzipien nannte er Archetypen – und sah das kollektive, d.h. das uns allen gemeinsame Unbewusste, aus ihnen zusammengeetzt. (Er bezeichnete die Archetypen bzw. das kollektive Unbewusste auch als das – allen subjektiven Seelenvorgängen zugrunde liegende - „objektiv Psychische“ – durchaus vergleichbar mit dem ’objektiven Geist’ der Geisteswissenschaften.)
Die Archetypen sind quasi unsere von Geburt an eingeprägten Veranlagungen bzw. die instinkthaften ’Organe’ der menschlichen Psyche (die als seelische Konstanten unser Innenleben ’organisieren’). Dabei gleichen sie eher abstrakten Formen, ’leeren’ Schemata; denn sie sind nicht inhaltlich bestimmt, sondern im Konkreten jeweils erst noch mit Leben zu füllen. Ihre äußere Gestalt ist wandelbar; die Ausgestaltung oder Spezifizierung eines archetypischen Grundmusters ist zwischen den Individuen und Kulturen verschieden (z.B. der sog. ’Heldenkampf’). Unsere emotionalen Prozesse erfolgen durch sie in einer gesetzmäßigen Abfolge; die Archetypen sind also dynamisch (nicht statisch). (Metaphysisch könnte man sie mit Platons Ideen vergleichen - allerdings mit einer dunklen Seite versehen, d.h. nicht nur ’rein’, ’gut’ und ’ideal’.)
Die Archetypen werden durch das Individuum erlebt als von seinem Ich unabhängige Gebilde; sie wirken auf das Ich sowohl faszinierend und handlungsanleitend, als auch abschreckend - und entsprechen mehr oder weniger den ’Geistern’ der Magie und Primitivenpsychologie (sie treten auf als selbständig handelnde Figuren beispielsweise in der Imagination). Sie sind polar (gut und böse, bedrohlich und unterstützend), vieldeutig und unerschöpflich, haben dabei keine fest umrissenen Konturen (es ist ihnen immer eine gewisse Verwaschenheit oder Verschwommenheit zu eigen). Ausgedrückt bzw. dem Bewusstsein vermittelt werden sie – wie auch die astrologischen Urprinzipien - durch Symbole. Echte, lebendige Symbole setzen nach Jung stets etwas in uns in Bewegung; sie sind psychische Katalysatoren oder Transformatoren von Libido (seelischer Energie). Bzw., um als solche zu fungieren, müssen uns Symbole emotional anrühren; vor allem aber müssen sie bedeutungsoffen sein, immer noch etwas Unausgesprochenes (ein ’Geheimnis’) enthalten (weshalb, in Übertragung auf die Astrologie, deren Symbole auch nie erschöpfend erfasst und erklärt werden können)…
In der tiefenpsychologischen Sicht handelt es sich bei den Planeten und Tierkreiszeichen um universelle Konstanten des menschlichen Seelenlebens - die es unter verschiedenen Namen in allen Kulturen gibt. Projiziert wurden und werden demnach in der Astrologie machtvolle kollektive Seelenbilder – die als wirksame psychische Faktoren natürlich nicht an die Sterne gebunden sind! So nahmen beispielsweise die von Jung ausgiebig untersuchten Alchemisten im laborierten Stoff und seinen Wandlungen - unbewusst bzw. projektiv – ihre eigenen Seelensubstrate und inneren Prozesse wahr (das Retortengeschehen war üblicherweise begleitet von starken, aufwühlenden Affekten). Sie ’beobachteten’ in ihren Experimenten seelisch unbewusste Abläufe und Ergebnisse, welche sie nicht selten unter Heranziehung der astrologischen Symbolik formulierten - ohne dabei jedoch auch nur einen Blick auf den tatsächlichen Sternenhimmel zu werfen!
Den Begriff „Archetypus“ gab es allerdings schon bei Kepler, und zwar durchaus im astrologischen Sinne, d.h. ganze dreihundert Jahre vor Jung. In pythagoräischer und neoplatonischer Tradition stehend, verstand Kepler die geometrischen Verhältnisse, insbesondere die interplanetaren Aspekte des Sonnensystems, buchstäblich als „Gedanken Gottes“: Nach Art des Logos existierte für ihn „die Geometrie vor der Schöpfung“, „gleichsam als Archetypus des Kosmos“. In der barocken Gedankenwelt bzw. theologischen Ebenbildlichkeits-Vorstellung des kaiserlichen Hofmathematikers „versah Gott die Geometrie mit einem Modell der Schöpfung und pflanzte sie dem Menschen ein, zusammen mit seinem eigenen Bild.“ Die geometrischen Harmonien galten ihm als Urbild aller Wohlklänge - nicht nur der musikalischen, sondern auch der astrologischen bzw. psychologischen: „Alles lebt, solange die Harmonien dauern; alles erschlafft, wenn sie gestört sind.“
Historisch geht das Begriffsfeld ’Archetypus’ zurück auf hellenistisches bzw. gnostisches Gedankengut; das Konzept wurde weiterentwickelt von Agrippa und Paracelsus. Kepler fasste den Begriff schon weitgehend deckungsgleich mit C.G. Jung auf, betonte jedoch mehr seinen erkenntnistheoretischen Aspekt: für ihn waren die Archetypen unserem Erkenntnisvermögen eingeborene Formbegriffe. Entsprechend bedeutete ihm etwas zu erkennen - ganz im platonischen Sinne -, “das äußerlich Wahrgenommene mit den inneren Ideen zusammenzubringen“ (d.h. die Wahrnehmung eines Ur-Bildes in seiner jeweiligen materiellen Form; vgl auch das Konzept der ’Ur-Pflanze’ später bei Goethe).
„Archetypen“ sind also für Kepler präexistente Dispositionen oder kosmische Resonanzstrukturen. Der Mensch werde mit diesen geboren; er ist folglich keine ’tabula rasa’, wenn er das Licht der Welt erblickt. In Geist und Seele würden die (göttlichen) Ideen schon vor der Geburt als ’Paradigmata’ wirken (ein bei Kepler den Archetypen äquivalenter Begriff). Die Archetypen sind für ihn wie später bei Jung ’leere’ Formen bzw. Schemata, die vom Individuum erst mit substanziellem Leben und Inhalt gefüllt werden müssen. Astrologie handle entsprechend nicht von „Particularia“ (detaillierten Einzelheiten), sondern von „Generalia“ (übergeordneten Typisierungen); sie beziehe sich nicht auf konkrete, sondern auf allgemeine Dinge. Also drückten die himmlischen Zahlenverhältnisse die irdischen Gegebenheiten symbolisch aus, nicht wortwörtlich. Deswegen seien auch „Spezifika“ so schwer vorherzusagen (er prognostizierte als Astrologe ungerne bzw. hielt sich in seinen Nativitätsbeschreibungen lieber an psychologische Eigenheiten).

etruskisches Leberorakel(Bronzeleber von Piacenza)

  • Das Leber-Orakel

Ein weithin unbekannter historischer Vorläufer der Horoskopie (worauf vor allem Thomas Schäfer hinwies) ist das mesopotamische Leberhoroskop. Dieses diente der Divination (der Götterbefragung, Erforschung des göttlichen Willens), versuchte - wie jedes Orakel - den aktuellen Sinn bzw. die momentane Zeitqualität zu enträtseln.
Untersucht wurde dabei die Leber eines frisch geschlachteten Schafes im Hinblick auf Omina (göttliche ’Zeichen’, vergleiche die heutige Bedeutung des Schornsteinfegers als ’Glücksbringer’, oder das ’Unglückssymbol’ der schwarzen Katze). In dem für die Leber-Analyse verwendeten Orakelschema bzw. Deutungssystem lassen sich aber bereits – lange vor der hellenistischen Systematisierung des astrologischen Modells - die Grundzüge des späteren Horoskops erkennen: So kannte man schon eine Einteilung nach den vier Ecken (Himmelsrichtungen/ Quadranten); der Osten entsprach dem Aszendenten, der Westen dem Deszendenten - wobei diese Horoskopecken durchaus so wie in späteren Jahrhunderten gedeutet wurden. Und „es kam zur Benennung von Lebertälern und –bergen mit Bezeichnungen aus der Sternenwelt“ (Schäfer) – jedoch ohne an den konkreten Himmel zu schauen!.die astrologischen Symbole in der Hand

  • Die Chirologie

Dass eine astronomische Grundlage der astrologischen Chiffren zu deren Interpretation nicht unbedingt notwendig ist, zeigt auch ihre Verwendung in der Handlesekunst: Die Planeten und Tierkreiszeichen sind dort - als zu deutende ’Berge’, ’Linien’, ’Schleifen’, ’Wirbel’ oder ’Ringe’ – sozusagen in die Hand des beratenen Individuums ’eingeschrieben’ (s. Abbildung). Und diese Zeichen in der Hand werden vom Handleser nahezu identisch wie in der Astrologie gedeutet (vgl. Gertrud Hürlimann, ’Handlesen ist erlernbar’).

  • Die innere Astrologie

Von einem „Taoistischen System der inneren Astrologie“ berichtet Richard Grossinger (in ’Der Mensch, die Nacht und die Sterne’); er zitiert eine alte chinesische Quelle: „Der Sternenschauer… findet die Sterne dadurch, dass er mit den Fingerspitzen auf die Augenwinkel drückt und so lange mit ihnen wackelt, bis die ’Sterne’ erscheinen. Aber das ist nicht irgendein anderer willkürlicher Himmel; für Orakelzwecke ist es derselbe Himmel, und der Weise Shih K’uang empfiehlt diese Methode dem Herzog P’ing, dann nämlich, wenn der Himmel bewölkt und die [äußeren] Sterne unsichtbar sind! Und als nächstes weist er darauf hin, dass Alcor noch immer als Hilfsstern vorhanden ist, allerdings nicht mehr in der Nähe des Großen Wagens…“
Dieses Beispiel mag sich für unsere Ohren kurios anhören, ist aber – wie die Alchemie, das Leberorakel, die Chiromantik – ein Beleg dafür, dass die mit den astrologischen Symbolen assoziierten Inhalte nicht zwangsläufig an äußere Sterne geknüpft sind.

  • das Horoskop: ein Modell

Das Horoskopschema ist ein vom Menschen gebasteltes, quasi ’erfundenes’ Modell. (Doch ist dieser Umstand kein Manko, gilt er doch für alle theoretischen Gebäude: "Die mathematischen Erkenntnisse sind auch subjektiv und nicht beweisbar,“ bemerkte Rudolf Steiner.) Das Horoskop ist eine idealisierte ’Himmelsskizze’, und war nie ein reales (1:1) Abbild der kosmischen Verhältnisse - man denke nur an die Abkoppelung des (Tropischen) Tierkreises vom Fixsternhintergrund, oder an die zum exakt zwölfgeteilten Kreis stilisierte Ekliptik (statt der realen Ellipse), welche ihrerseits die Deklination oder Breite ausklammert (d.h. nicht den sog. ’wahren’ Ort der Planeten nach P. Neubäcker berücksichtigt). Oder man betrachte Methoden wie die rhythmischen Auslösungen Döbereiners, den Huberschen Alterspunkt, Direktionen und Progressionen - die sämtlich ohne irgendeine faktische bzw. astronomische Grundlage funktionieren, teilweise sogar rückwärts in der Zeit (etwa nach dem Symbolschlüssel von „1 Tag - oder 1 Grad - = 1 Jahr“).
Auch die Häuserspitzen sowie die Knoten (Mondknoten, Planetenknoten) sind lediglich imaginäre Schnittpunkte, d.h. sie haben keine irgendwie materiell-substanzielle - im naturwissenschaftlichen Sinne evtl. kausal wirkende - Basis.
Überhaupt widerspricht es jeglicher naturwissenschaftlichen bzw. kausalen Logik, dass ein für einen speziellen Moment errechnetes Horoskop - das Geburtshoroskop oder Solar - sozusagen in Vergrößerung, nach dem magisch-hermetischen Gesetz des „Wie im Kleinen, so im Großen“, für ein Jahr oder gar für das ganze Leben gelten soll.
Eine Horoskopzeichnung ist idealtypischer Art. Sie wurde von den konkret beobachteten physikalischen Verhältnissen abstrahiert. Die darin eingetragenen Symbole dienen uns als geisteswissenschaftliche Werkzeuge - um Ordnung und Sinn zu stiften in einer tendenziell unverständlichen, chaotischen Welt.

C. Resümee

Ist die Astrologie also ’nur’ subjektiv, ’nur’ eine Projektion? Sie ist eine von den Menschen über Jahrtausende entwickelte, äußerst differenzierte geistige Methode zur Beschreibung und Erfassung der sog. Zeitqualität; ein Code zur Entschlüsselung des zu einem Zeitpunkt gerade aktiven Mythos bzw. Archetypus.
Dabei wird ’Zeit’ in keinem physikalischen (linearen, quantitativen) Sinne aufgefasst, nicht als leeres, gleichgültiges Gefäß bzw. als nur vorbeifließendes, tickendes ’Etwas’ - sondern als rhythmisch und zyklisch, als insbesondere mit Sinngehalten gefüllt, als bedeutungsschwanger, - eine Art transzendentes, unbegrenztes Reservoir, gefüllt mit sämtlichen möglichen Inhalten - von denen sich in jedem Augenblick ein neuer und anderer ’gebiert’ bzw. manifestiert.
Das größte Missverständnis in Bezug auf die Astrologie, der größte von Kritikern oder Außenstehenden begangene Fehler ist: die Horoskopfaktoren bzw. „Sterne“ konkret/ buchstäblich zu sehen. Die Astrologie ist ein den Sternenhimmel lediglich als Ausgangs- und Bezugspunkt nehmendes, ein von den Menschen ersonnenes Beschreibungssystem der Welt und des darinnen waltenden Sinns bzw. eine ausgefeilte, systematisierte Methode zum Begreifen der Wirklichkeit hinter den Dingen. Das astrologische Modell bedarf keines den Weltraumkörpern irgendwie innewohnenden Wirkprinzips, keiner dort – sei sie geistig oder materiell – immanenten Wirkkraft!
der OuroborosAstrologie ist eine (Symbol-)Sprache menschlicher Subjekte zum Verständnis ihrer selbst und der Welt. Ihr Symbolismus funktioniert – wie alles Psychische - über den Weg der Projektion; schöpft dabei jedoch aus den kollektiven, quasi intersubjektiven Seelentiefen aller bzw. aus der „Seele“ des Kosmos - beruhend auf einer (analogen) Gleichsetzung von Außen und Innen, Oben und Unten – und dem Konzept, dass „im Anfang schon alles beschlossen“ liege, dass der „Geburtsoment“ für eine Person oder Sache typisch sei. (Es ist dies das alte, magische Konzept des Uroboros, der sich in den Schwanz beißenden Schöpfungsschlange - wobei Beginn, Verlauf und Ergebnis einer Entwicklung als untrennbar miteinander verbunden gesehen werden, s. Abbildung.)
Solch psychologische Erklärung wird sowohl von materialistischen Naturwissenschaftlern (für die nur das physikalisch Messbare zählt), als auch von Kreationisten und Spiritualisten (denen der Geist der Schöpfer aller Dinge ist) als unbefriedigend angesehen. Das Seelische wird von heutigen Denkern oft abgewertet oder vernachlässigt (als „Nur-Psychisches“) – obwohl es sich dabei doch um das eigtl. Menschliche handelt, um das, was unsere Gattung ausmacht bzw. auszeichnet, vor Tieren wie Engeln. Die Seele ist unser einzigartiger Mittler zwischen Körper und Geist, deren Geringschätzung gänzlich unangebracht ist - man denke nur an ihre Macht bzw. Wirkkraft etwa in der Psychosomatik.

Literatur::

Bessler, Heinrich: Das magische Weltbild der Astrologie, in Unicorn I u. II, Bonn 1982
Kirchhoff, Jochen: Räume, Dimensionen, Weltmodelle, Kreuzlingen 1999
Niehenke, Peter: Kritische Astrologie, Freiburg 1987
Jung, Carl G. und Pauli, Wolfgang: Naturerklärung und Psyche, Zürich 1952
Schäfer, Thomas: Vom Sternenkult zur Astrologie, Solothurn 1993
Voltmer, Ulrike: Lebenslauf und astrologische Konstellationen, Sandhausen 2003

(geschrieben 2004/ 05)