Das Analogieprinzip hat die Astrologie mit allen
zeichendeutenden (divinatorischen) Methoden gemeinsam. Ihre Symbole
sind metaphorisch; sie besitzen einen Gleichnischarakter, setzen eine
Parallelität zwischen Himmel und Erde voraus. Mikrokosmos und
Makrokosmos, Innen und Außen entsprechen demgemäß
einander, besitzen eine innere Gleichartigkeit, eine Verwandtschaft
auf der Sinn- oder Bedeutungsebene. Dabei ist die Art und Weise der
"Ähnlichkeit" zwischen oben und unten, die Realisationsebene
bzw. der faktische Manifestationsbereich einer Konstellation nicht
festgelegt. Die Natur zeigt sich hier ausgesprochen erfinderisch,
schöpferisch und vielgestaltig - jedoch stets konsistent mit
der aktuellen Himmelskonfiguration bzw. im Einklang mit dem zugrunde
liegenden Symbolbild. Die Konkretisierung einer Analogie dingfest
machen, sie gar detailliert und exakt vorhersagen oder überprüfen
zu wollen, erweist sich als ziemlich fruchtloses Unterfangen - der
Kosmos ist pfiffiger als unser Verstand im Finden und Neugebären
von Entsprechungen.
Über die Frage der "Verursachung" schweigt sich das
Entsprechungsgesetz ebenfalls aus; es handelt nicht von eindeutig
feststellbaren (himmlischen) Ursachen und (irdischen) Wirkungen. Es
ist vielmehr deskriptiver Natur, beschreibt differenziert das jeweilige
Kräftegefüge, die Beziehungen und Verbindungen zwischen
den diversen existierenden Energien. (Wichtiger und sinniger als der
Versuch, Analogien analytisch auf die Schliche zu kommen, ist deshalb
das Bemühen, die innere Bedeutung einer Konstellation zu fassen
und zu benennen.) Warum jemand oder etwas auf die kosmischen Verhältnisse
"reagiert", wurde und wird gern mit den naturphilosophischen
Begriffen "Affinität" oder "Resonanz" erklärt.
Die - der pythagoräischen Tradition verpflichtete - mittelalterliche
Theorie der Sphärenharmonie meinte, dass die Saiten der Seele
"mitschwingen", wenn die entsprechenden der planetaren Harfe
gezupft würden. Moderner formuliert, besagt etwa das Resonanzgesetz
Dethlefsens, dass mir stets nur das geschieht, wofür ich eine
Bereitschaft (Rezeptivität) in mir trage, wofür ich eine
innere Anziehungskraft besitze. (D.h. demnach verhält sich die
"Verursachung" umgekehrt wie gemeinhin angenommen, geht
nicht von den "Sternen" aus, sondern vom Unbewussten bzw.
Selbst.)
Das Analogieprinzip ist älter als die
Astrologie, jedenfalls älter (und wichtiger) als deren Bezugnahme
auf astronomische Daten. Denn wie T. Schäfer aufzeigte, bedurfte
das älteste uns bekannte Horoskop (das mesopotamische Leberhoroskop)
keiner Sterne und ihrer Beobachtung - wohl aber eines ausgeklügelten,
komplexen Korrespondenzsystems.
Die Qualität der Zeit ist die zweite tragende
Säule des astrologischen Denkgebäudes. Auf diesem Prinzip
beruhen praktisch alle Orakelmethoden (wie etwa das I Ging). Die Zeit
wird hierbei nicht aufgefasst als leeres, gleichgültiges Gefäß
bzw. als nur vorbeifließendes, tickendes "Etwas",
sondern als bedeutungsschwanger, als eine Art transzendentes, unbegrenztes
Reservoir, gefüllt mit sämtlichen möglichen Inhalten
- von denen sich in jedem Augenblick ein neuer und anderer "gebiert"
oder aktualisiert. In qualitativer Sicht lässt sich die Zeit
gleichsetzen mit dem absoluten Sein, mit dem nicht-manifesten Ewigen
- dessen im Jenseits konzentrierten Substrate oder Samenkörner
sich auf der diesseitigen, quantitativen Zeitachse gewissermaßen
auffalten, um so sichtbar und (be-)greifbar zu werden.
Dabei offenbaren sich dem seherischen Auge bestimmte Kreisläufe
und Rhythmen, eine regelmäßige Wiederkehr desselben, wenn
auch nicht in gleicher Gestalt (und zwar vergrößert oder
verkleinert, s. Transite und Direktionsmethoden). Auf der abstrakten
Prinzipien- oder Bedeutungsebene ist der Gehalt eines Moments stets
klar, eindeutig und festgelegt; in seiner physischen Realisation kann
er jedoch (qua Analogie) die unterschiedlichsten Formen annehmen.
"Synchronizität" nannte C.G. Jung die akausale Verbindung
gleichzeitiger Geschehnisse. Personen und Dinge (oder Planetenzyklen),
die vordergründig scheinbar nichts miteinander zu tun haben,
können sehr wohl zusammenhängen - und zwar via einer inneren,
sinngemäßen Übereinstimmung oder Koinzidenz. Wann
und wo etwas geschieht, ist nicht beliebig oder zufällig, sondern
abhängig von (für das Alltagsbewusstsein) verborgenen Abläufen
und Prozessen; wofür die Zeit "reif" ist, suchen wir
mittels des "okkulten" astrologischen Codes gerade zu entschlüsseln.
Der Geburtsmoment gilt deshalb als so entscheidend, weil er den Eintritt
eines Wesens in die irdische Existenz markiert. Die Signatur des Geburtshoroskops
umschreibt keimhaft die Anlagen bzw. Qualitäten des Geborenen;
wie ein Weinjahrgang trägt er die Färbung, das Typische
oder Charakteristische jenes Augenblickes in sich - und gestaltet
das dem Zeitpunkt des ersten Atemschreis Eigentümliche im nachfolgenden
Leben aus. "Im Anfang liegt alles beschlossen" lautet die
zugehörige hermetische Vorstellung; es ist dies ein uroborisches
Konzept (der sich in den Schwanz beißenden Schlange) - wobei
Beginn, Verlauf und Ergebnis einer Entwicklung untrennbar verbunden
sind. (s. Anmerkung
(1))
Die Qualität der Zahl ist das dritte Grundaxiom.
Zwar spielen numerisch Quantitatives (sprich mengenhafte Aufzählungen
bzw. Rechenprozeduren für Ephemeriden und Computerprogramme)
als Basis der Interpretation in der Astrologie durchaus eine Rolle.
Doch gelten - wiederum in pythagoräischer Tradition - Zahlen
vor allem als Essenzen, Bedeutungsträger. Wie in der Numerologie
steht die "Eins" für das Eine, Runde, Ganze, und wird
demgemäß der Sonne bzw. dem Aspekt der Konjunktion zugeordnet.
Die "Zwei" symbolisiert das Getrennte, Gespaltene, Hin-
und Herschwankende, was Eigenheiten des Mondes und der Opposition
sind, usw. Noch zu Beginn der Neuzeit war ein solch qualitatives Verständnis
der Zahlen gängig - weshalb "Mathematiker" auch als
Synonym galt für den Beruf des Astrologen.
Die differenzierte Geometrie ist der Punkt, worin sich die Sternenkunde
vor allen anderen mantischen Systemen auszeichnet und unterscheidet.
Mit den beobachteten Verhältnissen am Firmament hat die astrologische
Konzeption dabei nur bedingt zu tun - sie ist vielmehr typisiert,
stilisiert, eben ein abstraktes Modell. So werden alle Himmelskörper
auf die Ekliptik bezogen (ohne Berücksichtigung der Deklination
oder Breite), und diese ihrerseits nicht als Ellipse, sondern in der
nach Plato vollkommenen Kreisform dargestellt. Kriterien wie Proportion
und Symmetrie sind ausschlaggebend im astrologischen Denksystem. (Um
eine sublime geometrische und harmonikale Erklärung der astrologischen
Aspekte - inkl. Halbsextil, Quinkunx, Quintil, Oktil und Trioktil
- machte sich besonders Kepler verdient.)
Aus
ästhetischen, theoretischen Gründen teilte man das Ganze
der Jahresbahn in zwölf ideale (nicht reale) Tierkreiszeichen
zu exakt dreißig Grad; ähnlich verfuhr man mit der Tagesbewegung,
die in zwölf Häuser (á zwei Stunden) untergliedert
wurde. Diese Zwölfersysteme setzen sich zusammen aus jeweils
"Drei mal Vier" - wobei die "Vier" für grundlegende
Ordnungskategorien (die Quadranten und Elemente) steht, während
die "Drei" Dynamiken kennzeichnet: kardinal-fix-labil, aber
auch den Döbereinerschen Entwicklungsdreischritt.
Wenn ein Astrologieschüler schlicht die Elemente auszählt
oder die Planetenverteilung im Horoskop dualistisch nach links-rechts,
oben-unten, in ihrer Gewichtung hinsichtlich positiv-negativ, aktiv
oder passiv unterscheidet, dann stecken darin schon die Anfänge
der astrologischen Geometrie und - da gekoppelt an inhaltliche Aussagen
- auch die Anfänge der Interpretationskunst.
Wie bereits angedeutet, steht die Astrologie in großer
Nähe bzw. Verwandtschaft zu den diversen Systemen der Esoterik.
Speziell Alchemie und Kabbalah verwenden ähnliche Symbole - und
berufen sich ebenfalls auf den mythischen Hermes Trismegistos mit
seinem Satz "wie oben, so unten". Doch ist dies für
den Historiker nicht weiter verwunderlich - gelangte doch der Astralkult
gemeinsam mit der Gnosis, als Teil des Synkretismus, von Vorderasien
nach Europa. Die Leistung der Hellenen war, das Sternenorakel entscheidend
zu systematisieren - mantisch, d.h. letztlich auf Sinndeutung/ Auslegung
beruhend, blieb es jedoch nach wie vor. (Bei einer näheren Untersuchung
des Sternglaubens kann man nicht umhin, ausführlich die Tradition
zu würdigen; wer sich seiner Herkunft bewusst ist, weiß
aber andererseits, wo er steht - und wo er hinzugehen hat.)
Zugrunde liegt diesen philosophischen Ansätzen die Vorstellung
eines unus mundus bzw. der unio magica, der magischen Einheitswirklichkeit
- die Idee, dass alle Dinge der Schöpfung auf geheimnisvolle
Weise miteinander verknüpft seien. An diesem verschwommenen,
traumhaften (um nicht zu sagen primitiven), fast kindlich zu nennenden
Bild, ist mehr dran als es scheint. Denn nur mit solch archaischem
Konzept lässt sich erklären, warum die astrologischen Gesetze
überhaupt funktionieren. Der astrologische Wirkmechanismus muss
stattfinden auf einer Ebene, wo Körper, Seele und Geist noch
eins, wo Materie und Energie/ Bewusstsein, Person und Schicksal, Innen
und Außen noch undifferenziert sind. Psychologisch gesprochen,
handelt es sich dabei um eine tief (kollektiv) unbewusste, spiegelhafte
bzw. projektiv-magische Seinsebene - wo wie bei Bastian in Phantasien
(s. Michael Ende, Die Unendliche Geschichte) all das geschieht, was
wir uns jeweils (mehr oder weniger bewusst) wünschen...
Schicksalhaftes war bekanntermaßen auch stets Teil der Astrologie.
Das Horoskop weist per Definition nicht nur auf Anlagen und Charakter,
sondern ebenso auf damit verbundene existenzielle Gegebenheiten ("Person
= Schicksal" lautet dazu die griffige Kurzformel). Dabei ist
ein solcherweise verstandenes Schicksal nichts dem Horoskopeigner
Fremdes, und keineswegs etwas von vorneherein Festgelegtes oder gar
Fatalistisches - sondern kann durchaus selbstbestimmt, positiv, konstruktiv
bzw. entwicklungsverheißend aufgefasst werden!
Astrologie war auch zu allen Zeiten mit Glaube und
Religion verwoben; die Sternenlehre war stets eingebettet in eine
übernatürliche Kosmologie. So wurden Fixsterne und Planeten
als Wohnstätten von Göttern oder Engeln gesehen, bzw. sogar
mit diesen gleichgesetzt. In allen außereuropäischen Kulturen
ist die Astrologie bis heute Teil des religiösen Weltverständnisses.
Es gab und gibt eine indianische, taoistische, hinduistische, islamische
- und nicht zuletzt christliche Astrologie. Der Mithraismus - ein
konkurrierender Verwandter des Christentums, von dem u.a. der Weihnachtsfeiertag
übernommen wurde - war eine regelrechte Astralreligion. Große
Kirchenlehrer (wie T. von Aquin), Bischöfe und selbst Päpste
waren Astrologen oder hielten sich welche; ganz zu schweigen von Luthers
sternenfürchtigem Mitstreiter Melanchthon.
Die
kirchliche Ikonographie zeigte gerne Christus als Herrscher inmitten
des Tierkreises - ein Ausdruck der geistigen Versöhnung mit dem
Heidentum (wie sie am glänzendsten dem Florentiner Ficino
gelang). Ähnlich galten die Stufen der mittelalterlichen Gesellschaftshierarchie
als analoges Abbild der obwaltenden himmlischen Ordnung. (Die damaligen
Verhältnisse mag man als bedenkliche geistige und materielle
Versklavung empfinden - doch fühlten sich die Menschen immerhin
in ihrem Kosmos geborgen, nicht so wurzellos wie viele heutzutage.)
Das astrologische Modell fügt sich nahtlos ein in den Glauben
an etwas Höheres, den Glauben an ein jenseitiges, die Dinge und
Abläufe lenkendes Wesen oder Sein. In der Beschäftigung
mit astrologischen Phänomenen drängt sich der Glaube an
"höhere Zusammenhänge" geradezu auf - denn wer
oder was könnte die frappierende, einen immer wieder sprachlos
machende Ordnung am Himmel und auf Erden sonst gestiftet haben? Das
umfassende, in seinen komplexen Verflechtungen nicht kalkulierbare,
wunderbare Zusammenspiel von Personen, Ereignissen und Schicksal kann
eigtl. nur von einer uns unbegreiflichen Stelle koordiniert sein.
Werte bzw. Werthaftes ist dem astrologischen
Paradigma ebenfalls immanent - impliziert schon durch die hervorgehobene
Position des Qualitativen in den Kernannahmen. In einem runden System
kann es eh keine (die Ganzheit des Lebens ignorierenden) Einseitigkeiten
geben, ist in jeder Aussage der Gegenpol - und somit über das
Vordergründige Hinausweisendes, sprich Sinnhaftes - mit enthalten.
Im pragmatischen astrologischen Alltagsgeschäft sind Bewertungen
allgegenwärtig: so gelten etwa Aspekte oder Transite - gemessen
am Gesamtbild - stets als mehr oder weniger "günstig".
Die Beratungspraxis zielt gerade darauf ab, das gemäß der
aktuellen Zeit und ihrer Inhalte Geeignetste festzustellen, das für
den Horoskopeigner "Beste" herauszuholen. Schließlich
können die Konstellationen oder Analogien von diesem durchaus
unterschiedlich umgesetzt werden: auf einer "höheren"
oder "niedrigeren" Ebene, mehr oder weniger unbewusst bzw.
gefangen oder "erlöst"...
Dabei ist die Richtung hin zu den höheren Realisationsstufen
durch das in unserem kollektiven Unbewussten verankerte Bild der Jakobsleiter
bzw. durch die neoplatonischen Analogieketten quasi vorgegeben. Zusätzlich
hat die christliche Eschatologie (Überwindungs- oder Heilslehre)
bzw.die Psychologie des Kreuzes zumindest für die abendländische
Astrologie Sinn und Zweck gerade der schwierigen Lebenserfahrungen
und Geschehnisse betont. In der modernen Psychologischen Astrologie
lautet daher die vermittelte Perspektive, die mehr oder weniger versteckte
Aufforderung einer Beratung: mach dich auf zu mehr Bewusstheit, Ganzheit
bzw. Integration der Gegenpole, zur Entfaltung deiner individuellen
Potentiale!
Schon
in der Antike war die Astrologie die weithin akzeptierteste Charakterkunde
(ausgehend von der Elementen- oder Säftelehre), noch mehr im
späten Mittelalter - das etwa die Eigenheiten Saturns mit dem
Gemütszustand der Melancholie
identifizierte. Paracelsus bezeichnete die Seele als "Astralkörper",
in welchem die Planeten psychische Organe darstellten (vergleichbar
den indischen Chakren), bzw. wo sie wie im Psychodrama als innerseelische
Figuren in einem komplexen Wechselspiel agierten.
An solche Konzepte knüpfen in neuerer Zeit die Jungianische Tiefenpsychologie
und die Bewegung der Humanistischen Psychologie (u.a. die Gestalttherapie)
an. Im Unterschied zu manch anderen Psychologien gilt der Mensch hier
als explizit wachstums- oder entwicklungsfähig, und die Individuation
(Selbstwerdung, Selbstverwirklichung) als höchster Wert bzw.
Ziel der inneren Prozesse.
Die Symbole der Astrologie gleichen den Inhalten des Unbewussten:
sie sind - in modernen Augen - ähnlich "irrational",
schillernd, vage, offen und vieldeutig. Jungs aus Mythologien und
Träumen destillierte Definition der Archetypen lässt sich
sogar ohne weiteres auf die Planeten und Tierkreiszeichen übertragen.
Diese sind wie jene Urbilder, welche überpersönlich bzw.
numinos erfahren werden (gerade im Falle der Transsaturnier). Auch
die astrologischen Urprinzipien können begriffen werden als unspezifische
Muster oder Schemata des Erlebens und Verhaltens bzw. als Ordnungsfaktoren
oder -kategorien des kollektiven Geistes (Spranger). Nicht zuletzt
lässt sich das Horoskop sehen als Sinnbild des Selbst, d.h. der
ganzen, vollständigen Persönlichkeit: die üblicherweise
zur Illustration der kosmischen Verhältnisse herangezogene Grafik
stellt ein klassisches Mandala dar, enthält die sog. "Quadratur
des Kreises" (setzt sich zusammen aus Quadranten und der Kreisform)
- ein Bild, das aus jungianischer Sicht die Möglichkeit einer
Synthese der divergierenden Persönlichkeitsaspekte auf höherer
Ebene verspricht...
Der astrologischen Praxis verwandt sind auch die Forschungsmethoden
oder Erkenntniswege dieser neueren Psychologie: denn gearbeitet wird
durchweg mit qualitativen Methoden (in der Regel mit Einzelfallanalysen).
Und, nicht zu vergessen, spielt bei Therapeuten wie Astrologen die
Intuition eine ähnlich wichtige Rolle.
Bei allen Geisteswissenschaften dreht es sich
zuvorderst um das Einzigartige, Besondere, Individuelle - welches
erstmal nicht allgemeingültigen Gesetzen unterworfen wird. Zugleich
bedarf jede geisteswissenschaftliche Untersuchung der persönlichen
Betroffenheit, der inneren Beteiligung (Anteilnahme) des Forschers
an seinem Gegenstand. Bei den Methoden der Phänomenologie, Hermeneutik
und auch Astrologie geht es um ein Verstehen oder Einfühlen in
das Wesentliche, um das Herausschälen von Sinnstrukturen bzw.
um ein Wiederfinden des Ich im Du. Ein distanziertes, "steriles"
Verhältnis zum Untersuchungsobjekt ist hier inadäquat; kein
Wissen und Erkennen ist unabhängig vom eigenen Realisieren oder
Erfahren. Der Geisteswissenschaftler wird im Verlaufe des Forschungsprozesses
unweigerlich persönlich tangiert (gerade auch in seinen schwachen,
wunden Punkten) - er muss sich sogar innerlich berühren lassen,
will er in seinem Verständnis der Dinge vorankommen!
In diesem Sinne ist die Astrologie auch eher eine Kunst denn eine
(Natur-)Wissenschaft. Das Horoskop wäre einem Musikstück,
einer Partitur oder einem Porträt vergleichbar - weniger einer
trockenen biochemischen Formel oder Analyse. Schließlich muss
die astrologische Symbolik interpretiert werden, bedarf sie der aktiven,
bewussten Durchdringung und Formulierung ihres Gehalts durch den "Sternenkünstler".
Grundsätzlich ist jede Symboldeutung subjektiv
- geprägt nicht nur von der Person des Astrologen, sondern auch
von der Situation, dem Setting bzw. der Interaktion mit dem Horoskopeigner.
Da sich die Zeitqualität stetig wandelt, Analogien sich zudem
auf die verschiedenste Weise realisieren können, ist auch die
jeweils gefundene "Wahrheit" an unterschiedlichen Punkten
von Zeit und Raum anders, lassen sich astrologische Erkenntnisse nur
bedingt generalisieren (auf andere Fälle übertragen). Will
man in einem Deutungsprozess zu irgendeiner Objektivität oder
überpersönlichen Wahrheit vordringen, muss - gemäß
den paradigmatischen Setzungen - stets erstmal beim Individuellen,
Subjektiven bzw. bei den Fakten der Lebensgeschichte angesetzt werden.
Aber "alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis" (Goethe).
In der astrologischen Forschung wie Interpretationskunst geht es gerade
darum, die hinter dem Vordergründigen/ Geschilderten liegenden
urtypischen Muster und Strukturen wahrzunehmen. Während einer
Deutung wird im - assoziativen, zugleich aber analogiegeleiteten -
Kreisen um ein spezielles Thema oder Problem dessen Essenz sukzessive
deutlicher. Im suchenden Hin- und Herwechseln zwischen der Meta- und
der Konkretisationsebene wird das allzu Subjektive überwunden,
erschließt sich allmählich doch eine "objektive",
transzendente, universelle Wahrheit des fraglichen Punktes - kommt
es zur sog. "Evidenz". Der Horoskopeigner fühlt sich
dann von der Deutung getroffen, verstanden, unterstützt und erkannt,
weil an das "Höhere", weil in ihm an Schicksal und
Sinn gerührt, seine individuelle Thematik in einen umfassenden,
größeren, archetypischen Zusammenhang gestellt wird.
Mit Naturwissenschaft hat diese Konzeption natürlich
nichts gemein. Als Paradigmen sind Natur- und Geisteswissenschaften
einander diametral bzw. unversöhnlich; sie können sich nur
mit großem Unverständnis und kritischer Skepsis begegnen.
Es herrschen völlig andere Vorstellungen von Objektivität
und Wahrheit; sich gegenseitig zu testen - nach dem Motto "wer
hat recht" - sollten sie bei solch differierenden Standpunkten
jedenfalls besser unterlassen.
Die Naturwissenschaft muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen,
dass sie mit ihren quantitativen Mess- und Prüfmethoden ganzheitliche
Zusammenhänge bloß ausschnitthaft zu fassen vermag, lebendige
Organismen und zyklische Prozesse wie starre, tote Gegenstände
behandelt. Ihre Standardmethode des allzeit verfüg- und wiederholbaren
Experiments muss versagen bei Phänomenen, die einmalig und individuell
bzw. gar mit einer qualitativen Auffassung der Zeit und Zahl verwoben
sind.
Auch Untersuchungen via Fragebögen scheiden aus zur Überprüfung
der Astrologie. Denn die astrologischen Symbole verhalten sich nicht
linear und eindimensional wie physikalische Merkmalslisten, vielmehr
komplex und interaktiv. Zudem gehorchen sie nicht der klassischen
Logik, enthalten stets auch den jeweiligen Gegenpol bzw. zumindest
Widersprüchliches in sich, können aktiv oder passiv, psychisch
oder physisch gelebt werden - ohne dass dabei die symbolimmanente
Konsequenz bzw. die Entsprechung zum zugrunde liegenden Schema oder
Urprinzip verloren geht!
Aufgrund ihres explizit quantitativen Zahlenverständnisses sind
Statistiken besonders ungegeignet zur Überprüfung
des astrologischen Wahrheitsgehalts. Mit ihrem zentralen Axiom der
Zufallsverteilung setzt Statistik kosmologisch ein ungeordnetes, sinnleeres
bzw. darwinistisches Universum voraus; eine Finalität (Zielgerichtetheit)
kann es ontologisch in dieser Welt der Wahrscheinlichkeiten gar nicht
geben. Hinzu kommt, dass in erhobenen Datenmengen die Einzeldaten
beliebig sind (je größer die Datenzahl); Einzigartigkeiten
werden gnadenlos nivelliert - was man dann euphemistisch "Neutralisierung"
oder "Anonymisierung" nennt. Fakt ist, dass bei statistischen
Tests einmalige, unverwechselbare Ereignisse und Gegebenheiten - welche
aus astrologischer Perspektive die Welt eigtl. ausmachen - unter den
Tisch fallen.
Das naturwissenschaftliche Paradigma erhielt in den
letzten Jahrzehnten zusehends Risse. Gerade seine Speerspitze, der
Wegbereiter der technischen Annehmlichkeiten, die Paradedisziplin
Physik musste Federn lassen. Sie stieß an die Grenzen von Zeit
und Raum - überwand dadurch jedoch ihre engen kausal-mechanistischen
Kategorien. So lässt sich etwa in bestimmten quantenphysikalischen
Experimenten die strenge Trennung von Subjekt (Versuchsleiter bzw.
-situation) und Objekt (Untersuchungsgegenstand) nicht länger
aufrechterhalten. Dadurch gewinnt aber das unsere Vorstellungen in
den letzten Jahrhunderten prägende Paradigma neue Dimensionen,
erschließt sich wieder Raum für die uralten Konzepte von
Geist und Psyche - die sich ja aus den Humanwissenschaften, selbst
wenn naturwissenschaftlich orientiert wie etwa die Apparatemedizin,
nie ganz verbannen ließen.
Nicht umsonst ist deshalb das Wort vom Paradigmenwechsel in
aller Munde. Seit Kuhns Schriften hat der Begriff allerdings populärwissenschaftlich
eine Bedeutungserweiterung und -verschiebung erfahren. Er wurde überstrapaziert
bzw. überdimensioniert, nicht mehr nur auf Einzelwissenschaften/
spezifische Disziplinen begrenzt, sondern - tendenziell ideologisch
überfrachtet - gleichgesetzt mit einem Wandel unseres abendländischen,
naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes generell. "Der
Paradigmenwechsel" gilt mittlerweile als Synonym bzw. Schlagwort
für das Anbrechen des New Age oder Wassermannzeitalters, für
eine Überwindung des egoistisch-materialistischen und technologischen
Denkens. Verbunden mit dieser Hippie-Idee einer universellen, spirituellen
Revolution sind noch Erwartungen hinsichtlich weitreichender politischer,
wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen...
Ein Aufblühen der Astrologie dürfte solch
umfassenden geistigen Wandel (so er denn kommt) sicherlich begleiten
und unterstützen. Eine aktive Rolle vermag die Sternenkunde aber
nur zu spielen, wenn sie sich ihrer Grundsätze bewusst wird -
und sich nicht unwissentlich (oder gar opportunistisch) dem vermeintlich
modernen, jedoch grundsätzlich inkompatiblen Paradigma der Quantitäten
und Kausalitäten unterwirft. Denkt man nämlich konsequent
im Rahmen der eigenen ganzheitlichen Voraussetzungen (von Analogien
und Qualitäten), darf etwa von keinem "astrologischen Faktor"
(neben Erbe, Umwelt, etc.) gesprochen werden, ergeben physikalische
Messungen der Planetenstrahlen sowieso keinen Sinn.
Der Schlüssel für eine neuerliche Aufwertung der Astrologie
liegt jedoch in der akademischen Psychologie. Diese hat lt. Kuhn noch
gar kein eigenes Paradigma ausgebildet, noch keinen internen Konsens
über ein breites, allgemein akzeptiertes Forschungsprogramm erzielt.
Um sich selbst zu finden, müsste sie sich zuvorderst von ihren
extensiven statistischen Tests verabschieden bzw.sich von ihrem Minderwertigkeitskomplex
den Naturwissenschaften gegenüber befreien. Zudem sollte sie
endlich Theorien wie die Archetypenlehre und Konzepte wie die "Projektion"
(das Aus-sich-herausstellen der inneren Bilder) anerkennen bzw. näher
untersuchen, sich den magischen Aspekten der Seele sowie deren spiritueller
Dimension nicht länger verschließen. (Dass man seinen Gegenstand
- die "Seele" - nicht einmal zu definieren vermag, spricht
eigtl. Bände!) Solcher Fortschritt der Psychologie dürfte
den Weg bahnen für ein besseres Verständnis, eine gesellschaftliche
Akzeptanz auch der Astrologie.
(geschrieben 1999)
Anmerkung (1)
Bei der Vorstellung, dass der Beginn/ Geburtsmoment einer Sache bzw.
Person diese in Gänze, auch in ihren Entwicklungsschritten charakterisiert,
handelt es sich eigtl. um ein viertes, ebenfalls
der Esoterik entlehntes Grund-Axiom der Astrologie.