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BRAUCHT DIE ASTROLOGIE DIE STERNE?

Worum es in dem antiken Gedankengebäude geht

Astrologie handelt von Symbolen. Das heißt, die Planeten, Tierkreiszeichen, usw. sind nicht konkret zu verstehen. Die Sterne sind vielmehr Indikatoren, Hinweise auf metaphysische Urprinzipien. Etwa so, wie das Thermometer eine Gradzahl anzeigt, die Temperatur selbst aber weder macht noch ist. Oder wie das Ziffernblatt einer Uhr uns mechanisch Stunde und Minute verrät, mit der Zeit als solcher aber im Grunde nichts zu tun hat. Die Sterne verursachen ("machen") nicht unsere Persönlichkeit bzw. unser Schicksal. Die Himmelskörper sind lediglich die physischen Repräsentanten oder Verweise - gewissermaßen "Abbilder" der transzendenten (unsichtbaren, nichtstofflichen) Wirkkräfte. Diese jenseitigen "Urprinzipien" ihrerseits wären vergleichbar der Ideenwelt Platos, den mystischen Zahlen des Pythagoras, den biblischen Elohim oder den kabbalistischen Emanationen der göttlichen Ureinheit. [Die Astrologie sah sich immer in solch religiös-rituellem Kontext.]
In den Tierkreiszeichen, Planeten, Häusern, Aspekten, usw. sind also geistige Ur-Bilder, -Muster, "Arche-Typen" verschlüsselt. Die "Himmelsschrift" berichtet von Höherem, von Sinnzusammenhängen; sie übermittelt die dem physischen Leben übergeordneten Bedeutungsstrukturen. Die astrologischen Symbole sind Sinnbilder des Werdens und Vergehens, eine gleichnishafte Codierung/ Darstellung der Grundfaktoren des Lebens schlechthin. Da sie sich auf sämtliche Ebenen und Bereiche irdischen Seins beziehen, handelt es sich bei ihnen allerdings um recht abstrakte Schemata. Durch ihre Vielschichtigkeit sind die "kosmischen Schriftzeichen" zwangsläufig vage, offen, vieldeutig, unexakt und unscharf - was ihnen die (verständnislose) Naturwissenschaft stets zum Vorwurf macht. Aufgrund eben dieser Inkonkretheit muss die Botschaft jeweiliger astronomischer Gegebenheiten durch einen Astrologen stets übersetzt, auf Konkretes bzw. ein Individuum bezogen werden. Ein direkter, linearer Schluss von den Gestirnen auf Irdisches ist keinesfalls möglich! Als Zeichendeutung wäre Astrologie somit eher eine Kunst als eine Wissenschaft. "Astrologie will (gar) ... keine Wissenschaft im exakten Sinne, sondern eine kosmische Deutungskunst sein" (W. Knappich). Sie ist "eine intuitive Wissenschaft, bedarf der übersinnlichen Schau, des lebendigen Erlebens ..." (R. Steiner).
Eine Schlüsselrolle im astrologischen Erkenntnissystem spielt das Ähnlichkeitsdenken oder die Analogie. Es wird ausgegangen von einem strukturellen wie inhaltlichen Entsprechungsverhältnis gleichzeitig stattfindender himmlischer und irdischer Vorgänge - gemäß der Überlieferung vom "Mikrokosmos = Makrokosmos" bzw. des "Wie oben - so unten" (der Hermetischen Regel, Smaragdenen Tafel). Zugrunde liegt hierbei die Vorstellung des "unus mundus", der (magischen) Einheitswirklichkeit: des Bezogenseins aller Gegenstände und Ereignisse aufeinander. Im Mittelalter umschrieb man den Wirkungszusammenhang zwischen Kosmos und Erde mit Begriffen wie "Verwandtschaft", "Sympathie" und "Harmonie". Moderne (quantenphysikalische oder esoterische) Bezeichnungen wären "Gleichklang" bzw. "-schwingung".
So kennt das hermetische Weltbild auch keinen Zufall: alles Geschehen hat seinen Sinn (Fügung). Wenn Dinge zur gleichen Zeit (und noch dazu am gleichen Ort) passieren, hängen sie innerlich in jedem Falle zusammen. Es kann sich sogar nur dann etwas ereignen, wenn es - transzendent, innerlich bzw. als geistiger Keim - schon/ ebenfalls besteht, "geplant" bzw. irgendwie "vorgesehen" ist; für Sinnleere ist da kein Platz.
In einer bahnbrechenden Arbeit postulierte C. Jung das sog. Synchronizitätsprinzip: Geschehnisse und Personen seien - die Grenzlinie von Materie und Geist ignorierend - aufgrund von Gleichzeitigkeit und Sinn miteinander verbunden. Der Zusammenhang von (u.a.) Gestirne und Mensch sei ein paralleler oder korrelativer, in jedem Falle von akausaler Natur. Zwischen Planetenkonstellation und Persönlichkeit bestünde eine Art sinngemäßer Koinzidenz, eine Korrespondenz oder Äquivalenz (Gleichartigkeit auf der Bedeutungsebene).
quantitative Zeit (Takt) als Basis der qualitativen Zeit (Musik)Im völligen Gegensatz zur heute üblichen "quantitativen" Zeitauffassung misst Astrologie die Zeitqualität. Da ist nicht jede Minute der nächsten gleich, sondern ein jeweiliger Zeitpunkt geht "schwanger" mit ganz spezifischen Bedeutungen oder Inhalten - symbolisiert von den Konstellationen. Deshalb kommt dem Moment der Geburt auch solches Gewicht zu. Nach der Regel 'im Anfang liegt alles beschlossen' charakterisiert der Geburtsaugenblick das ganze bevorstehende Leben. Die Qualität jenes Moments ist gewissermaßen "typisch" für die Person. (Maßgeblich ist nicht der Moment der Zeugung; er wäre relevant für den Zeitraum der Schwangerschaft. Mit der Geburt wird diese Phase jedoch abgeschlossen und ein neuer Zyklus begonnen, nunmehr sozusagen definitiv 'in die Welt eingetreten'.) Das Goethewort von der "geprägte(n) Form, die lebend sich entwickelt" mahnt an die entscheidende Bedeutung des ersten Atemschreis. Auch das Ritual des 'Geburtstagfeierns' kommt nicht von ungefähr, wird doch dabei die (jährliche) Wiederkehr der Sonne an den ekliptikalen Ort der Geburt zelebriert (worauf die astrologische Technik des Solars = Jahreshoroskop basiert). Doch wäre es falsch, den Planetenständen (im Geburtsmoment oder sonst) eine Art "Eingravieren" von Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Das Geburtshoroskop ist schlicht eine Signatur der (vorgeburtlich) mitgegebenen Anlagen und Aufgabenstellungen des Lebens - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Frage der Verursachung verhält sich umgekehrt wie gemeinhin angenommen: Nicht "weil" ich Mars-Saturn habe, stoße ich permanent auf Widerstand im Tun, erlebe ich Anfeindungen, etc. Sondern da meine psychische Konstitution (von vorneherein) auf eben diese Weise beschaffen ist, wird sie vom 'Sternenhimmel' gewissermaßen (im "Buch des Lebens") "protokolliert". Den Grund des persönlichen 'Wohl und Wehe' am Firmament zu erblicken ist eine verführerische (und leider gängige) Ausflucht, wäre aber ein fatales Abschieben der (Eigen-)Verantwortung. Denn es kann einem strenggenommen nur das zustoßen, wofür eine innere Veranlagung, Rezeptivität oder Bereitschaft ("Resonanz", "Anziehung") gegeben ist bzw. was man im Innersten selbst entschieden hat zu erleben. (Gerade auch Ort und Zeitpunkt der Inkarnation sind ja nicht beliebig, vielmehr zielbewusst ausgesucht! Die Intention hinter solch (unter- oder überbewusstem) Wählen ist vermutlich, in sich bisher latente Qualitäten zu entwickeln, als Person bewusster, runder, liebevoller zu werden...)
Auf die so häufig gestellte Frage "Freiheit oder Determinismus" lautete die Antwort "sowohl - als auch": Auf der Ebene des (Höheren) Selbstes nämlich sind wir frei, auf derjenigen unseres Egos, unserer Subjektivität (Wünsche, Bedürfnisse) sowie der (konditionierten) Vorstellungen gebunden. (Im Lebensverlauf käme es darauf an, mit jener ausschlaggebenden Instanz des Selbst in Verbindung zu treten.) Von Priorität hinsichtlich aller uns betreffenden Geschehnisse ist grundsätzlich die Psyche, Individualität, unser innerstes Wesen. Das Selbst ist die primäre Ursache, das bestimmende Agens hinter den Dingen. Es ist zwar ein Rätsel und Wunder, wie die Himmelsbewegungen so spezifisch derart viele Phänomene und Prozesse verschiedenster Menschen zugleich widerzuspiegeln/ zu begleiten vermögen. Aber die "Sterne" (harte Konstellationen, etc.) sind jedenfalls nicht "schuld", wenn es uns schlecht geht. Gerade auch ein "böser Transit" bewirkt keine Krise, er zeigt sie lediglich an!
Heutzutage werden die astrologischen Prinzipien praktisch nur noch als innerseelische Faktoren verstanden, d.h. psychologisch aufgefasst. Die Planeten, usw. entsprechen psychischen "Organen" im Menschen - etwa in der Art, wie Paracelsus vom Astralkörper sprach. Nur in diesem übertragenen Sinne, nämlich als Seelenkräfte, "wirken" die Gestirne. Als Beispiel möge die Chirologie dienen: Sie sieht schon seit Jahrhunderten die astrologischen Zeichen in die Hand eingeschrieben. Das heißt, die Handlesekunst betrachtet den psychophysischen Bedeutungsgehalt der astrologischen Symbole als von den Gestirnständen losgelöst. "Merkur", "Jupiter", usw. gelten dort als eigenständige, von den Planetenstellungen völlig unabhängige Merkmale und Eigenschaften! (T. Schäfer weist darauf hin, dass die frühesten astrologischen Systeme noch ohne irgendwelche astronomische Grundlage arbeiteten.) Typische Redewendungen von Astrologen wie "mein Mond kommt dort zu kurz" oder "Person X könnte etwas mehr Saturn vertragen" deuten ebenfalls an, dass es sich bei den Erwähnten um Chiffren für ganz bestimmte psychische Funktionen handelt. (Über die gedankliche Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Symbolen/ Urprinzipien werden diese Seelenbereiche übrigens bewusster und differenzierter wahrgenommen, so dass Astrologie auch ein Mittel zur Selbsterkenntnis und -entwicklung bzw. ein Einweihungsweg ist.)
R. Steiner charakterisierte Geisteswissenschaft als ein "Wiederfinden geistiger Inhalte in der physischen Welt". Den akademischen geisteswissenschaftlichen Methoden (wie Hermeneutik und Phänomenologie) geht es insbesondere um ein Erkennen von Sinnstrukturen. Sie versuchen empirische Gegebenheiten zu artikulieren und zu beschreiben, diese dabei gerade in ihrer Sinnhaftigkeit auf den Begriff zu bringen bzw. die hinter den äußeren Erscheinungen liegende Ordnung und Systematik herauszuschälen. "Die Natur erklären wir, die Seele verstehen wir", stellte W. Dilthey dabei programmatisch fest und grenzte sich von den Naturwissenschaften (wie Physik und Biologie) ab, welche er für Geschichte, Psychologie, usw. für nicht zuständig hielt.
Das Eigentümliche - und von den Naturwissenschaften immer wieder Kritisierte - an der Methode des 'Verstehens' ist, dass sie auch den Beobachter oder Forscher aktiv miteinbezieht, diesen persönlich fordert, evtl. gar verändert. (Denn das 'Wiederfinden des Ich im Du' ist notwendigerweise mit gründlicher Selbstreflexion verbunden.) Der geisteswissenschaftliche Ansatz ist ein ganzheitlicher, den ganzen Menschen (u.a. Körper, Seele und Geist) umfassend. Nicht zuletzt sind Konzepte wie Sinn und Werte von zentraler Bedeutung. Und der Mensch wird betrachtet als wachstumsfähig bzw. sich entwickelnd. [In jüngerer Zeit wurden diese Ideen von der Humanistischen Psychologie wieder aufgegriffen, man denke z.B. an das Experiencing bzw. Focusing Gendlins, wo der Therapeut auf die Bedeutungsmomente des jeweiligen Erlebnisflusses aufmerksam macht.]
All diese Kennzeichen trägt auch die Astrologie. Sie erfüllt sämtliche Kriterien, die an eine Geisteswissenschaft zu stellen sind. (Gerade das Analogieprinzip ist die geisteswissenschaftliche Methode par excellence!) Dabei geht das Leistungsvermögen der antiken Sternenlehre über das der heute üblichen Erkenntnismethoden weit hinaus. Mit ihren tradierten, altbewährten Symbolen gibt sie uns nämlich ein Orientierungssystem an die Hand, dessen verblüffend einfache Klarheit - bei gleichzeitiger kombinatorischer Vielfalt - für künftige Forschungen (auf psychologischem Gebiet, überhaupt im Spannungsfeld von Körper bzw. Materie, Psyche und Geist) eine ungeheure Produktivität verspricht.
Wie eine solche Forschung aussähe? Astrologische Erkenntnis ist grob gesagt ein dialektisch fortschreitender Prozess: Gesammelte Beobachtungen oder Erfahrungen korrigieren die abstrakten Theorien und Konzepte; diese (d.h. die Symbole) helfen ihrerseits konkrete Ereignisse in ihrem Sinn und in ihrer Bedeutung besser zu begreifen, usw. usf.
Doch wie verhält es sich mit der Objektivität oder Wahrheit solcher Erkenntnis? Schließlich ist Astrologie explizit geozentrisch (erdbezogen) und geht konsequent vom Individuum, d.h. dem Erkenntnissubjekt aus! Nun ist wissenschaftsgeschichtlich Objektivität sowieso eine Definitionsfrage, d.h. abhängig von der internen Abstimmung oder Übereinkunft der Forschergemeinschaft. Solches Prozedere nennt man dann (etwas hochtrabend) "Intersubjektivität", faktisch handelt es sich jedoch um eine Kollektivmeinung, um eine Art Summe oder Durchschnittsbildung einzelner Subjektivitäten. "Wahrheit" wird durch solch ein Vorgehen keineswegs verbürgt, es wird u.U. ebenfalls (kollektiven) Täuschungen oblegen. Und nicht zuletzt ist (zumindest unterschwellig) jede Wissenschaft einer Beeinflussung von außen ausgesetzt. Diese muss nicht so extrem sein wie beim literarischen Galilei; aber keine Forschung agiert im 'luftleeren Raum', keine vermag absolut wertfrei zu sein. Da das Subjekt Ausgangspunkt jeglicher Erfahrung ist, kann es schon grundsätzlich keine völlige Objektivität geben - was selbst ein (ehrlicher) Naturwissenschaftler einräumen müsste. Eine "reine" Wahrnehmung (des "Dinges an sich") ist ja nicht möglich. Jede Beobachtung (und damit Empirie) unterliegt bestimmten, in der Regel unbewussten Voraussetzungen (nach Kant A-priori-Kategorien). Erkenntnis erfolgt nie unmittelbar (und potentiell objektiv), sondern ist stets vermittelt (durch Messinstrumente oder Denkstrukturen). "Die mathematischen Erkenntnisse sind auch subjektiv und nicht beweisbar", drückte R. Steiner diesen Tatbestand aus.
Interessanterweise wird in der Transpersonalen und Jung'schen Richtung der Psychologie gewissermaßen beim Subjektiven (Innenleben) 'eingestiegen', dieses jedoch (im Verlauf des psychotherapeutischen Prozesses) transzendiert, um schließlich bei Objektivem, d.h. bei Archetypen, seelisch-mythologischen Wahrheiten anzugelangen. Geisteswissenschaftliche 'Objektivität' wäre das Wiederfinden geistiger Ordnungsstrukturen (z.B. der Symbolkonfiguration eines Horoskops) im jeweiligen Einzelfall, in einer spezifischen Thematik. Ein explizites (aber nicht übergestülptes) geistiges Kategoriensystem wie das der Astrologie wäre für die Forschung in nützlichster Weise handlungsanleitend, unnötige Irrtümer vermeidend, brächte einen gleich auf die richtige Spur. So ein festes theoretisches Bezugsystem könnte der Wissenschaft zur Prüfung/ Kontrolle ihres konkret-praktischen Vorgehens dienen, ein Abgleiten in Subjektivismen, Willkür oder Belanglosigkeit der Ergebnisse gerade verhindern.
Die Wissenschaftstheoretiker Kuhn und Feyerabend prägten den Begriff des "Paradigma", um fundamental gegensätzliche, gänzlich voneinander verschiedene Erkenntnisansätze zu umreißen. Demnach wären z.B. die Natur- und Geisteswissenschaften einander nicht direkt vergleichbar. Sie sind "inkommensurabel", d.h. theoretisch wie praktisch unvereinbar. Jedes Paradigma hat seine eigene, typische Wahrnehmungsweise, eigene Forschungsmethoden, eine ihm eigene 'Rationalität' bzw. einen eigenen Wahrheitsbegriff, eine eigene Sprache/ Terminologie und sogar eine eigene Empirie (Ergebnisse, die für seine Richtigkeit sprechen). Teilweise gebrauchen die verschiedenen Paradigmen zwar dieselben Begriffe, verwenden sie jedoch unterschiedlich, in anderer Konnotation. Da hinter solch einem Forschungs- und Denkansatz ein ganz spezifisches Welt- bzw. Menschenbild steht, lässt sich ein Paradigma von außerhalb, sozusagen "objektiv" weder überprüfen noch widerlegen.
Astromedizin: Tierkreiszeichen Körperteilen zugeordnetDie Astrologie ist so ein eigenständiges Wissensgebilde. Angriffe u.a. von seiten der modernen Wissenschaften oder der Kirchen können sie gar nicht treffen. Urteile und Maßstäbe von außen sind schlichtweg fehl am Platze. Beispielsweise entsteht immer wieder Verwirrung um den Kausalitätsbegriff: So verrückt und unbegreiflich es dem abendländischen Menschen des 20. Jahrhunderts auch vorkommen mag, herrscht in der astrologischen Denkweise doch eher Finalität, d.h. die Ausrichtung auf ein Ziel hin, eine Begründung/ Bestimmung von der Zukunft her, weniger eine Determination durch Vergangenes... Astrologie hat eine völlig eigene "Logik": eine Logik, welche zwar von unbestreitbarer immanenter Schlüssig- und Stimmigkeit ist, allerdings nicht von klassischer, aristotelischer Natur (eines "ja-nein" bzw. "entweder-oder"); eine Logik, die man vielleicht besser 'Prä-Logik' oder 'Ana-Logik' nennen sollte - d.h. eigtl. eine Un-Logik, die dem modernen Menschen das Verständnis der alten Sterndeutung jedenfalls ganz schön schwer macht. Aus zeitgenössischer Sicht besitzt die Astrologie etwas äußerst Irrationales, Schillerndes, Primitives bzw. Archaisches - was uns zugleich aber auch fasziniert, und außerdem (laut C.G.Jung) der Funktionsweise und Realität der Psyche zu entsprechen scheint...
Der naturwissenschaftliche Denkansatz fordert von einer Wissenschaft, dass sie nomothetischen Charakter hat, d.h. allgemeingültige, generelle Regeln aufstellt. Entsprechend ist es das Bestreben der Naturwissenschaften, (vermeintlich kausale) Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und mit deren Hilfe auftretende Phänomene "objektiv" zu erklären sowie vorherzusagen. Die empirische Überprüfung von Hypothesen gilt hierbei als maßgeblich ("Beweis" einer Theorie); entsprechende 'Tests" müssen (als wiederholbare Experimente) unter standardisierten und kontrollierten Bedingungen erfolgen.
Von den Geisteswissenschaften sind diese Punkte natürlich nicht zu erfüllen, noch weniger von der "prä-rationalen" Astrologie. - Doch sind jene Forderungen für das Gebiet der Humanwissenschaften überhaupt sinnvoll und angebracht, ist z.B. eine messende, am äußeren Verhalten orientierte Psychologie ihrem Gegenstand wirklich gemäß? Die Naturwissenschaft "sagt sehr viel über den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt auch sehr viel über die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen. Aber sie überschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will über das innerste Wesen des Menschen" (R. Steiner). Nur eine idiographische, am Einzelfall orientierte Methodik, kann dem Typischen des Menschen, seiner Individualität gerecht werden. Die mechanistische, technisch orientierte (Natur-)Wissenschaft spart in ihrer Herangehensweise entscheidende Themen von vorneherein aus. Sie beschneidet den Menschen um wesentliche Bereiche (wie Glück oder Werte), unterscheidet ihn nur quantitativ (nicht qualitativ) von einer Maschine oder von einem Tier. Ob die Naturwissenschaften ihren eigenen Postulaten genügen, sei dahingestellt [bei näherem Besehen tun sie es ebensowenig]. Weitere (grundsätzliche) Einwände gegen sie wären jedoch, dass ihr kausal-materialistisches Denken strenggenommen keinerlei Vorwärtsentwicklung erlaubt, keine Überwindung der Vergangenheit zulässt, damit keine Evolution.
Und seit der Quantenphysik existiert das physikalische Weltbild sowieso nicht mehr in der vormaligen Einfachheit und Eindeutigkeit: die Nuklearpartikel entziehen sich dem wissenschaftlichen Zugriff, der Übergang von Materie und Energie erweist sich als fließend... [Anmerkung: Zu unterscheiden wäre allerdings zwischen der (oft so kalt und lieblos) praktizierten Naturwissenschaft und der ihr zugrunde liegenden geistig-mentalen Fertigkeit. Diese stellt nämlich eine kostbare und wichtige Errungenschaft unseres Kollektivbewusstseins dar. Die für die Naturwissenschaften typische Haltung des Prüfens und Hinterfragens ist äußerst zeitgemäß, für unsere Entwicklung des Ichs notwendig und richtig. Denn Kritik und Skepsis überwanden den naiven Glauben an die Götter, beseitigten unseres Denkens Unselbständigkeit, dessen Gefangenschaft im Mythos. Die Verfahrensweisen des Untersuchens und Vergleichens, des Analysierens und Abstrahierens - um Gleichförmigkeiten, Regelmäßigkeiten und Entwicklungsgesetze zu erkennen - vermögen gerade auch die Geisteswissenschaften zu befruchten bzw. werden von diesen sogar für essentiell erachtet (vgl. Dilthey). Statt bloß materialistisch, destruktiv/ sinnvernichtend die Existenz nichtstofflicher Bereiche zu leugnen, kann und sollte die Gabe der Rationalität ebenso auf geistige Gegenstände angewandt werden!]
Statistik gilt heutzutage als Kriterium von 'Wissenschaftlichkeit' schlechthin. Es wird (positivistisch) geglaubt, mit deren Hilfe seine theoretischen Annahmen 'beweisen' oder widerlegen zu können. Bei näherer Betrachtung zeigt eine Statistik jedoch lediglich einen Häufungszusammenhang (eine Korrelation) auf. Über das Wieso und Warum, über den Wirkungszusammenhang, über die hinter den empirischen Phänomenen befindlichen Ursachen wird keine Aussage getroffen. Ein "statistisch signifikantes Ergebnis" spricht - per Definition - nur "mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit" (eben nicht hundertprozentig) für eine bestimmte Hypothese. Darüber hinaus sind Alternativhypothesen (für die auch immer einiges spricht) nie auszuschließen bzw. möglich ist stets ein völlig anderer, vorher unbedachter Wirkungsmechanismus. So gesehen geht der erkenntnistheoretische Wert von Statistiken, ihre Gültigkeit oder "Beweiskraft" gegen Null! (Es lassen sich mit ihr eigtl. bloß 'Tendenzen' feststellen.)
Den Humanwissenschaften stellt sich die prinzipielle Frage, ob spezifisch Menschliches wirklich quantifiziert, in anonymen ("nackten") Zahlen abgebildet werden könne, bzw. ob für Psychisches eine nicht sinnentstellende Operationalisierung (= Übersetzung in Messwerte) überhaupt möglich sei. Die Bedeutungsfülle und -weite astrologischer Symbole wird bei einer statistischen Überprüfung in jedem Falle reduziert, die ihnen wesenseigene Komplexität geht zwangsläufig verloren - aber auch der persönliche Bezug, die Betroffenheit, welche ja zentral ist, wenn es um für das Individuum existenzielle Themen bzw. um so etwas wie Heilung geht. In der Tat sind die solchermaßen "nachgewiesenen Effekte" (u.a. Gauquelins) erschreckend gering. Dass der "Gott des Zufalls" regiere - Statistik basiert auf der Annahme von Zufallsverteilungen, geht also implizit von einem chaotischen Universum aus - läuft astrologischen Axiomen sowieso zuwider. Deshalb ist auch von Seiten der Statistik für die astrologische Sache nichts Vorteilhaftes zu erwarten. (Bildlich gesprochen wird sich ein nihilistischer Teufel hüten, die Existenz Gottes nachzuweisen!)
Der astronomische oder sog. siderische Tierkreis wird bisweilen gegen die Astrologie angeführt, um zu zeigen, dass die Astrologen von gänzlich falschen Voraussetzungen, nämlich von - mittlerweile um ein komplettes Zeichen - verschobenen Sternbildern ausgingen. Doch macht dieser Einwand den Fehler des Konkretistischen - d.h. Gestirn und Symbol zu verwechseln bzw. gleichzusetzen. Der von Astrologen üblicherweise verwendete (tropische) Tierkreis bezieht sich jedoch auf die Ekliptik, d.h. auf die Erden- bzw. Sonnenbahn; nur diese ist maßgeblich für die Phasen/ Abschnitte des Tierkreises. Irgendwelche (meist sehr fernen) Sterne spielen da keine Rolle, sondern ausschließlich die Relation Erde - Sonne. Null Grad Widder ist hierbei stets identisch mit dem Frühlingsbeginn, der Tagundnachtgleiche des Frühjahrs. Null Grad Steinbock haben wir kurz vor Weihnachten, zur Zeit der Wintersonnwende, usw. Beim (tropischen) Tierkreis handelt es sich um eine rein geometrische Aufteilung der Jahresbahn der Sonne (bzw. Erde) in zwölf exakte Dreißig-Grad - Abschnitte. Genauso verhält es sich übrigens mit dem Häusersystem, welches ebenfalls aus einer symmetrischen Zwölfteilung (Vierteilung mit anschließender Drittelung der Tagesdauer/ Erdrotation) hervorgeht - was auf die Unwichtigkeit der astronomischen ("Stern"-) Grundlage hinweist. Ausschlaggebend sind einzig und allein harmonikale Gründe, entscheidend ist das Verhältnis der beteiligten Faktoren, wesentlich bei der Tierkreiseinteilung sind Proportionen - ähnlich wie von Kepler (in 'Harmonices mundi') für die Aspekte dargestellt.
Historisch gesehen koppelte sich der tropische Tierkreis etwa im vierten Jahrhundert vom Fixsternhintergrund ab. Zwar würdigte die (vorwiegend ereignisorientierte) Astrologie Babyloniens einzelne besonders helle Fixsterne, speziell wenn sie in Verbindung mit dem Aszendenten oder einem Planeten standen. Zusammenhängende Sternbilder spielten aber kaum eine Rolle. Diese waren außerdem unterschiedlich groß (nie genau dreißig Grad), z.T. erheblich von der Ekliptik entfernt, und ihre Zahl ging über die (archetypische) Zwölf hinaus... Dass die Berücksichtigung der Fixsterne aus der Mode gekommen ist, liegt zum einen an ihrer Riesenentfernung: die Planeten sind uns (geozentrisch!) einfach am nächsten - von daher am aussagekräftigsten. Vor allem aber ist das Sonnensystem ein für die Deutung leicht handhabbares - weil in sich geschlossenes - Bezugssystem. Die Fixsterne gehören dagegen manchmal sogar anderen Galaxien an; und die Zusammensetzung eines solchen 'Sternzeichens' ist äußerst inhomogen. Im Grunde genommen handelt es sich jedoch bei den am Himmel erblickten "Sternbildern" um reine Projektionen. Ein kritischer (oder phantasievoller) Mensch würde in jenen Gebilden ganz andere Formen und Gestalten entdecken. Ganz so wie man in Klecksbildern (projektiven Tests der Psychoanalyse) irgendwelche Figuren zu sehen wähnt, verbindet die Wahrnehmung auch hier unzusammenhängende Lichtpunkte eines Sternhaufens zu einem sinnvollen Ganzen - vom Unbewussten gesteuert oder mithilfe der Vorstellungskraft konstruiert. Die Altvorderen glaubten Dinge am Himmel zu sehen, die eigtl. ihrer Seele (bzw. dem Kollektiven Unbewussten) entstammten. Wie in ihren Mythen bevölkerten sie den Kosmos mit Archetypen, "malten" die verschiedenen (in den Menschen und Dingen wirksamen und spürbaren) Schöpfungsenergien gewissermaßen ans Firmament.
In unserer materialistischen, auf Quantitäten ("Greifbares") starrenden Zeit herrscht generell die Überzeugung, dass - wenn überhaupt etwas dran sei an der Astrologie - von den Gestirnen Strahlen bzw. Einflüsse physikalischer Art ausgingen - welche die Wissenschaft irgendwann nachweisen werde. (Mancher Astrologe sieht gar den "astrologischen Faktor" als einen Punkt unter vielen - neben Erbe, Umwelt, Milieu, usw. - ohne zu bemerken, dass er damit an den Grundfesten des Paradigmas rüttelt, die überlieferte Symbolik ihrer Vielschichtigkeit und Ganzheitlichkeit beraubt.) Von einem wie auch immer gearteten kausal-materiellen Zusammenhang, d.h. einer "Einwirkung" der Sterne auszugehen, verrät einen - dem astrologischen Denken diametral entgegengesetzten - implizit naturwissenschaftlichen Standpunkt! Eine kosmische Strahlung mag es geben. Sie kann in ihrer Messbarkeit aber nur grob und unspezifisch sein; sie ist zwangsläufig viel zu pauschal, zu wenig individuell - d.h. zu vernachlässigen bei einer Betrachtung, die den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu erfassen sucht.
Dass ein menschliches Wesen gar - mit all seinen Feinheiten und der seelischen Komplexität - in der Geburtsminute seine charakteristischen Merkmale irgendwie imprägniert ("eingeimpft") bekäme, ist vollends absurd. Es sollte uns eigtl. eine Lehre sein, dass gerade in der Psychologie die gefundenen materiellen Substrate/ Korrelate psychischer Gegebenheiten kaum eine verwertbare Aussage erbringen. So sind in den EEG- und REM-Forschungen die Muster der aufgezeichneten Gehirnströme bzw. Augenbewegungen nur in einige wenige (grobe) Kategorien unterteilbar. Die Messergebnisse sind inhaltlich praktisch nicht differenziert; sie ermöglichen keinerlei Rückschlüsse, was der betreffende Mensch gerade denkt oder träumt. Ähnlich erging es der Gehirnphysiologie: ihre Lokalisationstheorie (die den verschiedenen Gehirnregionen jeweils ganz bestimmte Funktionen zuordnete) erwies sich als theoretische Sackgasse; sie musste angesichts der komplexen Phänomene des menschlichen Bewusstseins passen. (Merke: Geistig-Seelisches lässt sich nun einmal nicht bzw. nur unzulänglich quantitativ erfassen...) Doch hören wir dazu H. Klöckler, den Klassiker der modernen deutschen Astrologie: Die "gewiss vielfältigen Beziehungen der Gestirnwelt zur Erde, wie sie bei Sonnenflecken, Mondeinflüssen, usw. nachgewiesen werden konnten, sind ebenso unzureichend wie unangemessen für die Begründung der astrologischen Bedeutungszusammenhänge. Aus Physikalischem wird eben zunächst nur Physikalisches oder physikalisch Erklärbares, aber nichts seelisch oder geistig Ganzes, nichts Bedeutungsvolles und Werthaftes. Der Negation astrologischer Möglichkeiten aus 'wissenschaftlichen' ... Gründen (schließlich) ist entgegenzuhalten, dass Unerklärlichkeit keine Widerlegung von Wirklichkeiten bedeutet."
Der tatsächliche astrologische Wirkungszusammenhang dürfte ein - wohl nie ganz zu lüftendes - Geheimnis bleiben. (Letztlich gibt es genausowenig eine Erklärung für Phänomene wie die Elektrizität, Gravitation oder den Magnetismus, was diese wirklich sind - aber sie funktionieren, es lässt sich mit ihnen arbeiten.) Die astrologischen Symbole beziehen sich vermutlich in erster Linie auf Psychisches, auf das (Kollektive) Unbewusste - auf Physisches nur indirekt (via Psyche). Der Wirkungsmechanismus wäre demnach etwa charakterisierbar als "projektiv-magisch"; er fände statt an der Schnittstelle von Innen und Außen, im Grenzbereich von Geist und Körper, Persönlichkeit und Schicksal, Energie (Bewusstsein) und Materie... Man könnte allerdings auch - wie im Mittelalter, in der Kabbalah - personifizierte Kräfte oder Mächte (früher als Engel bezeichnet) annehmen, welche den Gestirnen ebenso wie dem Menschen innewohnen. Im Lichte der Analytischen Psychologie (der Archetypenlehre Jungs) wäre solch "mystische Strahlentheorie" gar nicht mal so abwegig!
Der Ehrlichkeit halber erscheint es jedoch angebrachter, auf die Annahme irgendwelcher "Einflüsse", "Strahlen", etc. gänzlich zu verzichten, stattdessen nur von Entsprechungen und Analogien auszugehen, sich pragmatisch mit der Astrologie als 'reinem Erkenntnisinstrument' zu bescheiden - welches für sich genommen schon "wundersam" genug ist. Gegenüber anderen mantischen Systemen bzw. Orakeln besitzt die "Sternenweisheit" den in unserer naturwissenschaftlichen Zeit unschätzbaren Vorzug der eindeutigen Beobachtbarkeit, der exakt berechenbaren und von Beeinflussung absolut unabhängigen Ausgangsgrundlage der Deutungen. Ihr theoretisches Kategoriensystem ist zudem unerreicht differenziert, komplex und multidimensional (wogegen die Typologien der akademischen Psychologie vergleichsweise schmalspurig und simpel anmuten). Die metaphysischen Inhalte, um die es in der Astrologie geht, die "Qualität der Zeit" ließe sich sicherlich auch mit anderen Methoden feststellen. [Astrologie wäre also prinzipiell, so paradox es sich anhört, möglich "ohne Sterne"; ein besseres Bezugssystem zum Erfassen der 'Grundmuster des Lebens' ist allerdings nicht in Sicht.] Und der Deutung eines Horoskops gleichwertige geistige Einsichten lassen sich vermutlich sogar direkt gewinnen, d.h. ohne den "Umweg" von Symbol und Interpretation - z.B. intuitiv oder medial. Doch sind solche Erkenntnisse bekanntermaßen unsystematisch, schlecht nachzuvollziehen bzw. kaum steuer- und kontrollierbar.

(geschrieben 1996)

Literatur:

  • Dethlefsen, Thorwald, Schicksal als Chance, München 1979
  • Jung, Carl G./ Pauli, Wolfgang, Naturerklärung und Psyche, Zürich 1952
  • Vetter, Richard, Lebendige Astrologie, Basel 1989 (vergriffen)