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Die Sonne

beschreibt das äußere Verhalten, durch welches die persönlichen Anlagen, inneren Empfindungen usw. sichtbar bzw. verwirklicht werden. Das Zentralgestirn kennzeichnet die charakteristische Färbung, die typische Art und Weise unseres (Er-) Lebens und Gestaltens der Dinge, das Wie und Wo der zu machenden Erfahrungen. Es geht hier darum, die einem zur Verfügung stehenden Gaben schöpferisch aus sich heraus zu stellen.
Bei diesem Selbstausdruck ist den verschiedenartigsten, in der Regel miteinander konfligierenden Persönlichkeitsanteilen Rechnung zu tragen, gilt es - via Bewusstseinsarbeit - die eigene Mitte zu finden bzw. auszubilden. Ein solches Erreichen des "Selbst" gelingt nie auf Anhieb, bedarf vielmehr eines ausführlichen Entwicklungs- und Reifungsprozesses ("Durch-Lebens").

 

Die Sonne im Steinbock

Gegeben sind die Tugenden der Rechtschaffenheit, der Zuverlässig- und Tüchtigkeit, d.h. eine Sache gewissenhaft auszuführen, sie verbindlich zu einem Ende zu bringen. Zur Verfügung stehen viel Geduld und Durchhaltevermögen, eine hohe Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, die Gabe zu "rackern", sich durch die im Wege stehenden Schwierigkeiten zäh hindurchzuwühlen - wobei normalerweise keine Verausgabung stattfindet, da die vorhandenen Kräfte planvoll und zielgerichtet eingesetzt werden.
Deutlich ist oft die Neigung zum Einzelgängerischen; hinsichtlich sozialer Kontakte herrschen eine gewisse Schüchternheit und Scheu. Und in den (damit zusammenhängenden) Phasen seelischer Not entwickeln sich leicht Schwermut und eine gewisse Tiefsinnigkeit. Als Typ von eher ernstem Charakter, ruhig und reserviert, mit den eigenen Impulsen hintanhaltend bzw. seine Gefühle nur wenig zeigend, wird andererseits recht lange ("mit treuem Herzen") an jemandem gehangen, steckt kurzum in der typisch "rauhen Schale" ein ziemlich "weicher Kern"...
Die emotionale Hemmung (nicht richtig aus sich heraus zu können, keine rechte Erfüllung zu finden) wurde speziell in der Kindheit und Jugend als bedrückend erlebt. Mit jedem Jahr des Älterwerdens wächst jedoch die innere Zufriedenheit; durch allerlei Erfahrungen gereift, ist sich der Erwachsene seines Könnens sicherer, seiner unleugnbaren Qualitäten bewusster. Aufgrund des ausgeprägten Überichs spielen Normen sowie mögliche Beurteilungen von außen eine große Rolle im Leben bzw. bestehende Gebote und Verbote werden gerne verinnerlicht. (Gewissensbisse können einen ganz schön plagen und regelrecht fertig machen; der sprichwörtlich "ehrlichen Haut" fällt das Lügen eh schwer.) Was dann so nach Ehrgeiz oder bewundernswertem Pflichtgefühl aussehen mag, hat nicht nur positive Gründe: oft kommt dabei nämlich - als Relikt der Erziehung - eine gehörige Angst vor Ablehnung bzw. Liebesverlust ("Strafe") zum Tragen. Und aus ähnlichen Motiven wird sich auch schnell zuständig/ für die Probleme anderer Leute verantwortlich gefühlt.
Im allgemeinen weiß man genau, "was sich gehört und was nicht" (ohne sich nun aber unbedingt daran zu halten). Die nach außen sichtbare Form, eine untadelig-korrekte Haltung bzw. eine seriöse äußere Erscheinung wird üblicherweise für notwendig und wichtig erachtet. Manchmal wird das Förmliche jedoch übertrieben - und ein Abgleiten in eine starre, hohle, im Grunde tote Maske nicht bemerkt. Sogar wenn "spießige" Sitten und Gebräuche der Gesellschaft vorsätzlich durchbrochen werden, hat das Aufbegehren meist noch etwas Gezwungenes ("Steifes") an sich.
Dieses "Eckige" liegt vermutlich an dem inneren emotionalen Chaos - welches sozusagen als "stützendes Rückgrat" einer bestimmten Klarheit, Ordnung und Struktur im Leben bedarf (und sei es nur in Gestalt einer mentalen Einstellung, eben "zu wissen, woran man ist")... Eine ausbordende Rationalität, sowie die unselige Neigung zu Anspannung und Stress, sich selbst chronisch schwer zu tragende Mühen und Lasten aufzubürden, kann jedoch der Fähigkeit zu Spaß und Freude bzw. jedem lustvoll-unbeschwerten Genießen den Garaus bereiten. Die (leider Gottes übliche) Unterdrückung und Kontrolle spontaner Regungen/ eine - mögliche Widerstände und Behinderungen vorwegnehmende - krampfhafte Selbstbeschränkung birgt die Riesengefahr späterer Verbitterung und Depression!
Der Perfektionsanspruch, überhaupt Mechanismen der Härte und Strenge (zu "korrigieren", sich und/ oder andere gemäß dem für richtig Erachteten auszurichten) werden gerne überzogen. Um der seelischen Lebendigkeit willen wäre deshalb ein Mehr an Loslassen angesagt bzw. muss bisweilen leidvoll gelernt werden, von den aufgebauten Vorstellungen und Erwartungen wieder abzurücken.
Jeder schuldet seinen persönlichen Talenten eine gewisse Umsetzung oder Verwirklichung. Zu arbeiten gelte es deshalb in erster Linie an der eigenen Aufgabe und Bestimmung, zu folgen wäre zuvorderst der inneren Berufung - gerade um vor sich selbst bestehen zu können. In dieser Hinsicht wären Einsatz und Eifer angebracht, hier wäre die investierte Disziplin zweckmäßig und lohnend - was allerdings gerade nicht bedeutet, sein Gemüt quälen und knechten zu müssen! Wenn die diversen psychischen Schwächen respektvoll und aufmerksam akzeptiert werden, lässt sich ausgerechnet in ihnen nämlich die leise Stimme der Seele (einer stets präsenten Wegweiserin) vernehmen, lässt sich der persönliche Wert - ganz ohne Worte - im Herzen verspüren...
Irgendwann im Prozess des (Selbst-)Bewusstwerdens tauchen die individuellen/ ureigenen Handlungsmaßstäbe auf. Sie hieße es zu ergreifen (anstelle fremder bzw. anerzogener), ihnen wäre Genüge zu leisten - allerdings sinngemäß, nicht buchstabengläubig. Und in den weltlichen Geschäftigkeiten und Betätigungen sollte versucht werden, den jeweiligen Rahmen so echt oder stimmig wie möglich zu halten, d.h. (äußere) Form und (gefühlsmäßigen) Inhalt weitestgehend zur Deckung zu bringen.
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