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Die Sonne

beschreibt das äußere Verhalten, durch welches die persönlichen Anlagen, inneren Empfindungen usw. sichtbar bzw. verwirklicht werden. Das Zentralgestirn kennzeichnet die charakteristische Färbung, die typische Art und Weise unseres (Er-) Lebens und Gestaltens der Dinge, das Wie und Wo der zu machenden Erfahrungen. Es geht hier darum, die einem zur Verfügung stehenden Gaben schöpferisch aus sich heraus zu stellen.
Bei diesem Selbstausdruck ist den verschiedenartigsten, in der Regel miteinander konfligierenden Persönlichkeitsanteilen Rechnung zu tragen, gilt es - via Bewusstseinsarbeit - die eigene Mitte zu finden bzw. auszubilden. Ein solches Erreichen des "Selbst" gelingt nie auf Anhieb, bedarf vielmehr eines ausführlichen Entwicklungs- und Reifungsprozesses ("Durch-Lebens").

 

Die Sonne in der Jungfrau


Aufgabenstellung im Leben ist, stets eine durchdachte, sorgfältige und gründliche Arbeit abzuliefern, sich zu bemühen um eine gute Qualität bzw. um Genauigkeit und Exaktheit im Tun. Um sich genügend Sachverstand anzueignen, sich zum Fachmann oder Spezialisten eines Gebietes zu entwickeln, bedarf es zwar viel an Übung bzw. viel an Wiederholungen. Doch dann kann darin irgendwann "als Routinier" das ganze erworbene Erfahrungswissen ausgespielt werden...
Vorhanden ist die Gabe, sich auf die jeweiligen Umstände flexibel einstellen zu können/ die unterschiedlichsten Bedingungen zu berücksichtigen, kurzum: anpassungsbereit mit Verhältnissen umgehen zu können (pragmatisch mit den speziell aufgeworfenen Erfordernissen und Fragestellungen stets irgendwie fertig zu werden). Der oft zu beobachtende Fleiß und die Emsigkeit mögen aber auch das Gegenteil hervorrufen - nämlich eine übersichtslose Hektik, sich mit immer mehr Beschäftigungen einzudecken. Aber die Fähigkeit zum Haushalten stünde doch eigtl. zur Verfügung, d.h. seine Kräfte wirtschaftlich einzuteilen, die verfügbaren Ressourcen zweckmäßig einzusetzen!
Bei alledem registriert die exzellente Wahrnehmungsgabe selbst kleinste Feinheiten und Nuancen; insbesondere emotionale Angelegenheiten können differenziert diagnostiziert, sauber auf Zwischentöne hin analysiert werden. Die unzweifelhafte Fähigkeit zur - bisweilen peniblen - Selbstbeobachtung wird allerdings meist begleitet von problematisierenden Selbstzweifeln, von einer Neigung zur seelischen Verunsicherung; im Verein mit dem Perfektionsstreben zieht die an sich lobenswerte Selbstkritik gerne einen "Rattenschwanz" von Unzufriedenheiten und Missmut nach sich.
Die hohen Anforderungen und Erwartungen werden an andere Leute im Grunde genauso gestellt. Ein Gegenüber wird meist ausgiebig untersucht und geprüft, sozusagen skeptisch "beäugt" (wobei der Blick nicht immer auf das Wesentliche fällt). Prinzipiell ist - aus einer diffusen Ängstlichkeit, einem vagen Sicherheitsbedürfnis heraus - das Verhalten im Zwischenmenschlichen als eher vorsichtig und reserviert zu bezeichnen. Doch wird auch den eigenen Empfindungen nicht sonderlich getraut... Dabei nimmt die Kopfbetonung mitunter auf lästige Weise überhand. Das ständige Überlegen - was alles passieren könnte, was alles noch erledigt werden müsste - mag gar regelrechte Zwänge und Drucksituationen konstellieren, kann einen in erhebliche Erregung, in eine nicht abzuschüttelnde Unruhe und Nervosität versetzen.
Merke: Vernunft und Verstand haben naturgemäß ihre Grenzen. Dem spontanen Aufkeimen von Gefühlsregungen bzw. dem prozesshaften Fließen alles Lebendigen wird ein nüchternes, "trockenes" Denken nie gerecht! Keinerlei Vorsorge oder "geistige Vorarbeit" kann eine seelische Erfüllung garantieren, kann das ersehnte "Paradies" nie herbeizwingen... "Glück" ist schlechterdings nicht kalkulierbar, lässt sich unmöglich planen. Sich übertrieben in "reinen", idealen Wunschvorstellungen zu bewegen, beseitigt keine innere Not und Einsamkeit; solches verschärft eher noch die Diskrepanz zur Realität, verschlimmert im Endeffekt also das Leid! Überdimensionierte Hoffnungen provozieren höchstens Eskapaden/ gewisse Ausbrüche aus einem vermeintlich "tristen Alltag": als Symptom der unversöhnlichen Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit kommt nämlich sporadisch immer wieder eine ziemlich exzessive und leidenschaftliche Seite an einem zum Vorschein - was in der Folge logischerweise die Auseinandersetzung mit Schuldthemen und -komplexen auf die Tagesordnung bringt. Und nicht selten bleibt auch noch etwas "moralisch Anrüchiges" an einem hängen...
Psychische (und psychosomatische) Krisen sind im Lebensverlauf praktisch unvermeidlich; genaugenommen sind diese für die eigene Entwicklung sogar unabdingbar, ja: ausgesprochen nützlich und fruchtbar! Dunkel-Schattenhaftes bzw. unverarbeitete Inhalte und Erfahrungen des Lebens gelte es deshalb möglichst nicht zu verdrängen oder nur rationalisierend zuzudecken, sondern den Dingen auf ihren (letztlich positiven) Grund zu gehen - sowie das Selbstbild dementsprechend zu erweitern. Bzgl. des tagtäglichen Handelns wäre generell wichtig, die inneren Impulse mehr zuzulassen, seine bewusste Steuerung ab und an zu opfern; d.h. sich dem Risiko des Ungewissen mehr probieren auszusetzen bzw. zu überantworten, sich dem Walten höherer Mächte ein Stück weit vertrauensvoll hinzugeben.

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