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Der Mond

kennzeichnet die jeweilige Orientierung und Färbung der Empfindungen. Der Erdbegleiter symbolisiert die (subjektive) Innenwelt - mit welchen Inhalten die Gefühlsregungen beschäftigt sind, wo bzw. bei wem wir uns beheimatet ("zuhause") fühlen, wie unsere Bedürfnisse und Wünsche ihre Erfüllung suchen und finden. Insbesondere steht der Mond für Kindheitserinnerungen, allgemein für das Kindhafte in einem, für das eigene Wesen bzw. die Identität - darüber hinaus beim Mann für sein unbewusstes Frauenbild, bei der Frau für ihr Verhältnis zur Mutterrolle.

 

Der Mond in den Fischen

Gegeben ist eine ausgesprochen reiche Phantasie, vorhanden viel Romantik - als da wären Träume, Sentimentalität sowie - oft unausgesprochene - Sehnsüchte. Die physische Konstitution ist meist zart und weich, das Naturell ziemlich empfindsam, psychosomatisch anfällig für (krisenbedingte) Schwächungen. Generell besteht ein enormes - leider Gottes passives - Aufnahmevermögen, eine Beeindruckbar- aber auch Hingabefähigkeit, d.h. sich verlieren, gewissermaßen auflösen zu können ("dahinzuschmelzen im Ozean der Gefühle"). Das wahrnehmende Empfinden bzw. emotionale Gespür besitzt (intuitiv) eine differenzierte Feinheit, grenzt an Medialität. Das Einfühlungsvermögen in andere Wesen ist ungemein entwickelt, Mitleid und Mitgefühl sind groß; es existiert eine Verbundenheit mit jeglicher Kreatur. Bei so viel Verständnis kann beinahe alles verziehen - und ertragen - werden.
Das Ausgeliefertsein, jene vertrackte Offenheit und Abhängigkeit äußeren Einflüssen gegenüber macht einem erheblich zu schaffen, mag zuweilen Hilflosigkeit über die richtige Reaktion oder gar Empfindungen von Ohnmacht hervorrufen. Nicht zu vergessen die - meist von einer inkonsequenten Erziehung herrührende - Nachgiebigkeit gerade sich selbst gegenüber, die Gefahr von Disziplinschwäche, eine (unterdrückte?) Neigung sich gehen zu lassen. Der seelische Halt, eine tragfähige innere Festigkeit und Stütze wird oft schmerzlich vermisst.
Die Innenwelt ist recht verworren und unübersichtlich, die Identität verschwommen bzw. unklar. Die Selbstfindung ("wer bin ich eigentlich?") erweist sich als ganz schön kompliziert. So wird beim Vordringen ins Innenreich schon bald auf unerklärliche Ängste oder "betörende" Nebel (bzw. auf Verzerrungen und auf Verdrängungsmechanismen) gestoßen... Gleichzeitig täuscht das zueigene schillernde und vielfältige Wesen unwillkürlich auch andere Leute; es hat für sie etwas Rätselhaftes, Undurchschaubares an sich. (Ein Rat zur symptomatischen Willensschwäche: dass das Unbewusste das Bewusste überwiegt, sollte als Fakt im Leben schlicht hingenommen werden!)
Das emotionale Schutzbedürfnis ist groß; wichtig wäre, zu äußeren Erwartungen nötigenfalls auch mal "Nein" sagen zu können. Insbesondere die Probleme anderer werden allzuleicht zu Herzen genommen, sich mit ihnen schnell identifiziert. Es wird sowieso so manches mit sich machen gelassen, d.h. die typische Gutmütigkeit desöfteren missbraucht, die zueigene Hilfsbereitschaft ausgenützt (was einen hinterher maßlos ärgern kann). Doch wer sich nicht deutlich und frühzeitig genug abgrenzt (aus vermeintlicher Rücksichtnahme, aus Angst jemandem weh zu tun oder ihn zu verlieren), provoziert fast zwangsläufig ein Erleiden von Quälereien! Am ärgsten gelitten wird jedoch an der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit (welche ja im Inneren fließend ineinander übergehen). Die Nüchternheit und Härte der Realität bzw. die Nichterfüllung schwärmerischer Hoffnungen produziert nicht wenig Enttäuschung und Desillusionierung, auch Wehmut und Trauer. Entfremdungsgefühle (wie "nicht hierher zu gehören", "woanders zuhause zu sein") sind dann nur allzu verständlich...
Sozialen Normen zu entsprechen fällt nicht leicht - was zu Empfindungen der Unzulänglichkeit oder Minderwertigkeit führen kann bzw. zu Schuldgefühlen (zum Gefühl"verkehrt"/ "nicht richtig" zu sein). Unter Menschen bzw. in einer Gruppe wird schon früh eine Zurücksetzung geahnt (herrscht instinktiv die Angst hintangestellt, weggedrängt zu werden), wird sich alleine und verlassen oder verkannt gefühlt. Hinzu kommt, dass die Kräfte von Gewalt und Aggression übertriebener-, im Grunde irrationalerweise gefürchtet werden. Bei der großen Sensibilität ist die Verletzbarkeit, die Schmerz- und Druckempfindlichkeit intensiviert, ist das Gefühl der Bedrohung durch alles Rohe und Grobe erhöht. Eine Tarnung mag deshalb notwendig erscheinen bzw. gar ein innerliches "Abwenden", ein seelisches "Abtauchen". Ein "Gang in die Einsamkeit" soll aber auch dazu dienen, sich eventuellen Bedrängungen und Zugriffen zu entziehen...
Doch macht übertriebenes Selbstmitleid alles nur noch schlimmer. Es gelte vielmehr, prinzipiell zwischen Vorgestelltem und Tatsächlichem, zwischen Innen und Außen zu unterscheiden, u.a. zwischen sich und einem Partner (als einer anderen Person) trennen zu lernen. Abseits des Alltagsbetriebes darf (und soll) sich der Welt des Gemüts gewidmet werden, wäre assoziativ und kreativ die Weite des Innenraums zu erforschen, heißt es für diesen "verborgenen, geheimen" Bereich die Sinne zu schärfen. In sich hineinzuhören und zu -spüren, z.B. künstlerisch, mit Musik oder Meditation, ist einesteils ungeheuer wichtig - genauso nötig jedoch die Vorsicht, darin nicht zu versinken!
Die Reise nach Innen hat das Selbst zum Ziel, will einen Punkt jenseits der rotierenden Gedankenmühle finden, d.h. sich vertrauensvoll vom Unbewussten bzw. von höheren Mächten tragen zu lassen - durch alles Angsterregende und Schreckliche hindurch. Auf diesem Weg wird ganz automatisch, quasi als Nebenprodukt, aus den nicht versiegenden Lebensquellen - oder auch von Engeln, aus dem Jenseits - Kraft getankt für die so völlig andere Welt des Diesseits mit seinen hier und jetzt zu bewältigenden Aufgaben.

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